#movie #review #cinema #critic #film #festival

Rob Marshall’s „Into The Woods“ is fantasy-phobic dance on the graves of fairytale favorites

Rob Marshall’s „Into The Woods“ is fantasy-phobic dance on the graves of fairytale favorites

Märchen sind etwas Magisches, aus dem Kinder und Erwachsene gleichermaßen zeitlose Lebenslektionen lernen können: Vergiss deine Träume! Du verdienst kein besseres Leben! Liebe überwindet keine Klassengrenzen, niemals! Tu, was dir gesagt wird! Kümmere dich um deinen eigenen Kram! Und die wichtigste Lektion von allen: Wünsch dir nie etwas! 

Halt, stimmt doch gar nicht! Märchen lehren ganz andere Sachen, nämlich, dass Träume in Erfüllung gehen können, eine Küchenmagd einen Prinzen heiraten kann und ein armer Müllerbursche eine Prinzessin, dass Umsicht, Hilfsbereitschaft und Mut sich auszahlen. Vor allem lehren sie, dass Wünsche wahr werden können. Nicht immer, aber manchmal – was bei manch unbedachten Wünschen auch ganz gut ist. Und der Du-sollst-nicht-darfst-nie-kannst-nicht-Kram? Ist auch ein Haufen erzählerisch vermittelter Lebenslektionen, allerdings kommen die nicht von Märchen, sondern von Marshall. Rob Marshall. Nachdem der Regisseur mit dem vierten Teil von Pirates of the Caribbean cineastischen Schiffbruch erlitt, begibt er sich mit einer erneuten Broadway-Verfilmung zurück auf vertrautes Terrain. Auf solchem soll sich das Publikum keinesfalls wähnen, dafür sorgen radikale Deformierungen der Handlung von James Elliot Lapines Bühnenfassung, mit der das Filmgeschehen lediglich in Ansätzen übereinstimmt. In einem Fantasieland, wo sich all die Ereignisse populärer Märchen parallel abspielen, wünschen sich ein Bäcker (James Corden) und seine Frau (Emily Blunt) vergeblich ein Kind. Eine hässliche Hexe (Meryl Streep) will den Fluch der Kinderlosigkeit fortnehmen, wenn beide im Gegenzug sie vom Fluch der Hässlichkeit befreien. 

Dafür muss das Paar ihr in kürzester Zeit vier zauberische Ingredienzen beschaffen, die es alle bei anderen Märchenfiguren sucht. Der erste Akt ergeht sich in einer Schnitzeljagd, die für das Publikum noch anstrengender ist als für die Beteiligten. Unterbrochen von austauschbaren Gesangseinlagen, die so belanglos klingen wie ein Best of an Fahrstuhlmusik und sich auf Teufel komm raus reimen müssen, kommt es im titelgebenden Wald in diversen Konstellationen zu mehr oder weniger freundlichen Begegnungen der Bäckerleute mit Cinderella (Anna Kendrick), ihrem Prinz (Chris Pine), Rapunzel (Mackenzie Mauzy), deren Prinz (Billy Magnussen), Rotkäppchen (Lilla Crawford) und Jack (Daniel Huttlestone). Letzter ist Jack mit den Zauberbohnen, denn die sorgen im zweiten Akt für eine Reihe grotesker Deus-ex-Machina-Effekte. Wie ein solcher wirkt Johnny Depp, der hier wiedermal keine Gelegenheit auslässt, in seiner Standard-Verkleidung irgendwo zwischen Willy Wonka, Mad Hatter und Sweeney Todd über die Leinwand zu springen. Im dunklen, dunklen Walde singt Depp den Big Bad Wolf, der nach einem 3-minütigen Tanz ums Rotkäppchen auf Nimmerwiedersehen aus der Story verschwindet. Vermutlich ist er in eines der zahllosen Plot-Löcher gefallen, die zwischen Rapunzels Turm, dem Haus von Cinderellas fiesen Schwestern (Tammy Blanchard, Lucy Punch) und Jacks geliebter Kuh klaffen. 

Diverse Handlungsstränge und der Weg einiger Figuren führt buchstäblich sang-und-klanglos ins Leere: fallen – von der Bohnenstange, in einen Abgrund oder einfach auf die Nase – ist in Marshalls Märchenreich offenbar Todesursache Nummer eins. Kein Wunder, wenn sich zwischen Pappmaché und mittelmäßigem CGI Abgründe an Biederkeit und Gehässigkeit auftun. Into the Woods ist nicht einfach fantasielos, er ist fantasiefeindlich. Das Zauberhafte, das Hoffen, Träumen und Wünschen wird als Quell allen Übels verdammt, Kinder und ihre Eltern davor gewarnt. „Es gibt „Man soll nicht“s und „Man soll“s.“, trällert einmal die Bäckersfrau. In diesem Sinne ist der dissonante Totentanz auf den Gräbern von Charles Perrault, den Gebrüder Grimm und einer Reihe anderer Märchensammler ein „Man-soll-nicht“

  • OT: Into The Woods
  • Regie: Rob Marshall
  • Drehbuch: James Lapine, Stephen Sondheim
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 125 min. 
  • Cast: Johnny Depp, Emily Blunt, Anna Kendrick, Chris Pine, Meryl Streep, Lucy Punch, Christine Baranski, Tracey Ullman, James Corden, Tammy Blanchard, Frances de la Tour, Mackenzie Mauzy, Daniel Huttlestone, Billy Magnussen, Lilla Crawford, Simon Russell Beale, Joanna Riding
  • Kinostart: 19.02.2015
  • Beitragsbild © Walt Disney 
This piece first appeared …