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Merry Mess: „Arthur Christmas“ ist die spaßige Ausnahme im kitsch-klebrigen Xmas-Movie-Brei

Merry Mess: „Arthur Christmas“ ist die spaßige Ausnahme im kitsch-klebrigen Xmas-Movie-Brei

Schlittenkoller. Der entsteht, wenn man vor lauter Weihnachtstress völlig plemplem wird.“ Jeder hatte schon Schlittenkoller. Selbst wer stattdessen Chanukka oder Ramadan feiert, kann Schlittenkoller kriegen, weil sich Weihnachtsstress wie Rauchen auch passiv auswirkt: Es genügt schon dem unentrinnbaren Weihnachtsstress um einen herum ausgesetzt zu sein. Ja, sogar der Weihnachtsmann ist nicht gefeit. Das lässt Grandpa Weihnachtsmann (Bill Nighy) durchblicken, als er und sein ängstlicher Enkelsohn Arthur (James McAvoy) in einem klapprigen Ruderboot in der Nacht des 24. Dezember auf dem Atlantik treiben. 

Alles, was sie dabei haben ist Bryony (Ashley Jensen), Verpackungselfe dritten Grades ausgerüstet mit Night-Cut X1225 Lasersteuer-Schere und tragbarer Klebeband-Pistole, ein altersschwaches Rentier und ein pinkes Fahrrad. Ihre Geheimwaffe ist die eiserne Entschlossenheit, das Fahrrad auszuliefern: an die kleine Gwen, die bei der hochtechnologisierten Geschenkverteilung durch Arthurs Bruder Steve (Hugh Laurie) vergessen wurde. Da ist Sarah Smiths liebevoll-spinniges Weihnachtsgarn schon zur Hälfte abgerollt wie eine Spule Geschenkband, deren Kapriolen man folgt. Dass sich das Animationsfilmdebüt der Regisseurin und Co-Drehbuchautorin trotzdem als cineastischer Himmelsstürmer erweist, verdanken das Xmas-Abenteuer und dessen tollpatschiger Titelcharakter der Sache, die entscheidet zwischen Merry Little Christmas und Nightmare before Christmas: der kauzigen Familie. 

Die filmischen Verwandten der turbulenten Schlittenpartie zweier Aushilfsweihnachtsmänner und einer Elfe sind nicht weihnachtlicher Kinokitsch, sondern Kitchen-Sink-Drama und Gaunerkomödie gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor. Mit ironischer Sinnhaftigkeit und bissigem Witz werden brennende Fragen über das Fest der Liebe beantwortet, ohne die kindliche Vorstellung von Weihnachten zu verhöhnen oder zu zerstören. Wie der Weihnachtsmann mit dem Bevölkerungswachstum mithält? Mit dem 10.368 Stundenkilometer schnellen S-1 Flugschlitten. Warum es im Krieg weniger Geschenke gab? „Weihnachten 1941 hab ich das alles mit einem Elf allein erledigt“, erklärt Grandpa, der vorrangig nörgelt. Darin bringt er es dafür zu bemerkenswerter Meisterschaft, die ihn zum heimlichen Helden macht. 

Wie dem vom ehrgeizigen Steve gemanagte Familienunternehmen am Nordpol nur noch formell der bereits senile Weihnachtsmann (Jim Broadbent) vorsteht, ist der Mann im rotem Anzug mit Rauschebart nur offiziell Santa Claus. Tatsächlich ist er Father Christmas, ein dickköpfiger Engländer, mit ungeahnt patenter Gattin, einem schlaksigen Sohn im Strickpullover (vermutlich eine Handarbeit von Frau Weihnachtsmann) und einem störrischen Großvater. Über dem computergenerierten Festtags-Abenteuer steht groß Sony Pictures, doch die eigensinnige Geschichte und ihre skurrilen Figuren tragen die Handschrift von Aardman. Das für seine Knetfiguren Wallace & Gromit berühmte britische Animationsstudio gestaltet die Szenarien mit so viel Originalität und Liebe zu versteckten Details, dass die sparsamen 3D-Effekte nur eine nette Spielerei am Rande ist. 

Die Handlung ist so chaotisch wie die heimliche Fahrt, auf der Arthur und Grandpa aller Herren Länder durchqueren, um das vergessene Geschenk zu überbringen, und gerät auf dem hauchdünnen Eis des Konsumorientierung mitunter ins Schlingern. Doch bevor sich die Protagonisten in überzuckerte Sentimentalität verirrt, reiß sie den Zügel herum. Statt ein realitätsfernes Familienidyll vorzuhalten, ist die Weihnachtsfamilie von Feiertagsstrapazen so gebeutelt wie jede andere. „Als Weihnachtsmann hast du es heute wirklich schwer“, schreibt zu Filmbeginn die kleine Gwen in ihren Wunschzettel. Die Gewissheit, dass es dem, der für den Weihnachtsstress verantwortlich ist wie all den Normalsterblichen geht, versöhnt selbst jene, die Weihnachten etwa so gern mögen wie der Grinch. Aus persönlicher Erfahrung bestätigt. Darunter verbirgt der charmante Christmas Caper die Botschaft, dass der Wert eine Geschenkes sich nicht nach dem Preis bemisst, sondern der Mühe, die man sich damit gibt. Mit Bryonys Worten: „Für eine Schleife ist immer Zeit. 

  • OT: Arthur Christmas 
  • Regie: Sarah Smith
  • Drehbuch: Sarah Smith Peter Baynham
  • Produktionsland: USA, UK
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 99 Min. 
  • Cast: James McAvoy, Hugh Laurie, Kate Mara, Bill Nighy, Will Sasso, Jim Broadbent, Imelda Staunton
  • Kinostart: 17.11.2011
  • Beitragsbild © Sony
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