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Where our Hell is: Ursula Meier’s „Home“

Where our Hell is: Ursula Meier’s „Home“

Eine Familie lebt in einem kleinen Haus am Rand eines unfertigen Autobahnstreifens. Alles scheint herzig im selbsterrichteten Zuhause, bis Sohn Julien (Kacey Mottet Klein) eines Tages berichtet, er habe einen Lastwagen gesehen. Der Autobahnbau ist beendet, vor der Tür strömt eine Wagenflut. Der skurrile Alltagshumor weicht profanem Grauen. Julien malt sich mit Fahrbahnkreide Kriegsbemalung ins Gesicht: der Kampf hat begonnen. Nein, Home ist keine Komödie. Ursula Meiers Satire überschreitet unmerklich die Grenze zum bissigen Sozialdrama voll psychologischer Untiefen. Irgendwann krabbeln Fliegen und Kinder in Unterwäsche zwischen Bauschutt, Essenresten und Abfallhaufen. Den Ausweg hat sich die Familie selbst verbarrikadiert. Sippenhaft.

Tochter Judith (Adeleide Leroux) dämmert beständig im Liegestuhl, als warte sie auf eine Mitfahr- und Fluchtgelegenheit. Ohrenschützer dämmen nicht nur den unerträglichen Straßenlärm, sondern die Kommunikation der Familienmitglieder, die der stressbedingten Schlaflosigkeit mit Tabletten abhelfen. Betäubt taumeln die Einwohner durch die Behausung, um die Papa (Olivier Gourmet) eine Mauer zieht. My home is my castle. Die physische Mauer ist drastische Metapher der Diskrepanz zwischen dem Familienalltag und der Norm. Eine symbolische Grenze nach der anderen überschreiten die Hausbewohner. Die Autobahn, de den Titelort von der Normalität trennt, ist nur die erste. Aus der Protestpose wird Paranoia, aus Laisser-faire Verwahrlosung.

Was oberflächlich als Vertrautheit innerhalb des pathologischen Existenzmodels erscheint, ist tatsächlich essenzieller Mangel an elementaren Lebensgrundlagen. Apathisch verbauen Mutter Marthe (Isabelle Huppert) und ihr Mann nicht nur ihr eigenes Leben, sondern das des Nachwuchses. Der Randstatus ist deren elterliches Erbe, das sie nicht ausschlagen können. Der Titel verweis auf eine trügerische Wunschvorstellung, mit der vor Augen sich die Protagonisten ihre eigene Hölle zimmern. Ihre Behausung ist ihre letzte Bastion gegen die Asozialität, die sich klammheimlich über die Hintertreppe eingeschlichen hat. Lustig sieht der Balanceakt am gesellschaftlichen Rand nur aus der Distanz aus. Ursula Meier geht ganz dicht heran.

  • OT: Home
  • Regie: Ursula Meier
  • Drehbuch: Ursula Meier, Antoine Jaccoud, Raphaelle Valbrune, Gilles Taurand, Olivier Lorelle
  • Produktionsland:
  • Jahr: 2008
  • Laufzeit: 97 min.
  • Cast: Isabelle Huppert, Olivier Gourmet, Adélaide Leroux, Madeleine Budd, Kacey Mottet Klein
  • Kinostart: 25.06.2009
  • Beitragsbild © Arsenal