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Gus Van Sants Biopic „Don’t worry, He won’t get far on Foot“ im Berlinale Wettbewerb

Gus Van Sants Biopic „Don’t worry, He won’t get far on Foot“ im Berlinale Wettbewerb

Kein Cartoon kann so gemein sein wie das Leben. Das wäre das Fazit, wenn Gus Van Sants mitreißendes Biopic eines hätte. Doch eine Moral oder Lehre zu vermitteln liegt dem unorthodoxen Geflecht aus Biografie und Fiktion fast so fern wie der provokanten Krakel-Kunst des Hauptcharakters. John Callahans Zeichnungen attackieren unerschrocken die Grenzen der gutbürgerlichen Heuchelei und Herablassung, die als guter Geschmack gilt. Wer noch nie von Callahan gehört hat, sollte jetzt ein paar seine Werke raussuchen. Die gleiche Nuance riskanten Humors, der die zur gesellschaftlichen Konvention verkommene Mitleidigkeit und Stigmatisierung von Randgruppen bloßstellt, kombiniert exzellentes Schauspieldrama mit lässiger Satire. Der wirklichkeitsnahe Kontrast von Zynismus und Optimismus verleiht der kantigen Story ihren genuinen Charme.

My only compass for whether I’ve gone too far is the reaction I get from people in wheelchairs, or with hooks for hands.

– John Callahan

Die Kreationen des Protagonisten (Joaquin Phoenix) werden zum organischen Teil der Handlung, die sich aus zwei prägenden Aspekten von Callahans Laufbahn heraus entwickelt. Der eine ist sein Handicap, der andere sein Alkoholismus. Im Grunde sind beide ein Faktor, nicht nur, weil der der junge Künstler seinen fatalen Unfall im Vollrausch neben einem betrunkenen Saufkumpan (Jack Black) erleidet. Der Fusel lähmt ihn schon, als er noch laufen kann, und das Desaster wirkt auf ihn nicht gerade ernüchternd. Van Sant überspringt das Kapitel mit den obligatorischen Beileidsszenen und zeigt Callahan stattdessen am Tiefpunkt seiner Sucht. Die Abhängigkeit von der Flasche spielt die Hauptrolle in den täglichen Grotesken, in deren Pointe zwangsläufig auf seine Kosten geht.

Unterbrochen werden die Abstürze von den Treffen mit den Anonymen Alkoholikern. Jeder aus der Gruppe schräger Außenseiter könnte Mittelpunkt einer eigenen Filmstory sein, genau wie ihr Leiter und Sponsor Donnie (Jonah Hill). Diesem Gespür für lebensnahe Charaktere ist es zu verdanken, dass die Szenen, in denen der Plot die zugrunde liegende Story fast aus den Augen verliert, zu den kurzweiligsten zählen. Nicht obwohl, sondern weil Callahan, den der Regisseur aus seiner Heimatstadt Portland kannte, seine Geschichte freimütig mit Übertreibungen ausschmückte, steckt in der Leinwandadaption mehr von ihm, als es in einer faktentreuen Verfilmung könnt. Der filmische Sketch illustriert kongenial jenen trotzigen Lebensmut und lakonischen Scharfblick, die der ungeschliffene Held in seinem Werk vorzeichnete.

Eine subtile Beobachtungsgabe für zwischenmenschliche Dynamik und den absurden Humor, der in äußerlich tragischen Situationen verborgen liegt, zählen zu den großen Stärken des Regisseurs, der hier Melancholie und Lebensfreude zu einem bewegenden Persönlichkeitsporträt verknüpft. Das fein austarierte Zusammenspiel von morbider Komik und Sentiment verweigert sich dem gelackten Hollywoodkino, das einige hier vergeblich suchen werden. Authentizität und Originalität berühren nachhaltiger als makellose Fingerübungen. Das gilt für den Berlinale Wettbewerbsbeitrag wie für die Cartoons. Wann gibt es die eigentlich endlich gebunden als Coffee Table Book?

  • OT: Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot
  • Regie: Gus Van Sant
  • Drehbuch: Gus Van Sant
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 113 min.
  • Cast: Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Beth Ditto, Olivia Hamilton, Udo Kier, Kim Gordon, Carrie Brownstein, Emilio Rivera, Ken Tatafu, Angelique Rivera, Rebecca Rittenhouse, Anne Lane, Rebecca Field
  • Beitragsbild © Berlinale © John Callahan

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