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„Napoleon“: Militarist myth making at its most megalomanic

„Napoleon“: Militarist myth making at its most megalomanic

Im Guten wie im Schlechten wirkt Ridley Scotts martialisches Monarchen-Biopic wie das filmische Pendant der klassizistischen Werke, nach denen die eindrucksvollsten Szenen modelliert sind. Ein titanischer Triumph handwerklicher Präzision über Inspiration, von bellizistischem Bombast über Kreativität, von protzigem Pathos über Rafinesse und von hagiographischem Historismus über Originalität. Die Wahl eines mit immer gleicher grimmiger Entschlossenheit in die Kamera starrenden Joaquin Phoenix’ als rebellische Reinkarnation des fanatischen Feldherren besiegelt diesen antiquierten Ansatz. Der stellt kinematische Kraftdemonstration über politische und psychologische Komplexität. Jene bleibt in dem visuell unbestreitbar beeindruckenden Epos ebenso reine Behauptung wie eine kritische Differenzierung des bis heute umstrittenen Hauptcharakters. 

Napoleon Bonaparte begegnet dem Publikum als skeptischer Beobachter der Revolution (die er tatsächlich mit seinem charakteristischen Opportunismus unterstützte) und eines als grotesk und gefährlich etablierten Pöbels, der aufgrund inhärenter Unfähigkeit zur Selbstherrschaft – paradoxerweise repräsentiert durch Robespierre – beherrscht werden muss. Vermeintlich (gott)geschaffen dafür ist der physisch und psychologisch idealisierte Protagonist, dessen politische und private Untaten David Scrapas Drehbuch geschickt kaschiert. So wird Napoleons mit paranoider Kontrollsucht einhergehendes körperliches Begehren Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby) als beidseitige Liebe präsentiert. Während ihr diplomatischer Einfluss komplett getilgt wird, scheint er getrieben von der Vision eines in Frieden vereinten Europas statt von Machthunger und Megalomanie. 

Wenn sich die autokratische Arroganz im letzten Drittel des sich über fast drei Stunden wälzende Historienstücks vereinzelt andeutet, relativiert dies die nachteilige Darstellung seiner Gegner wie Wellington (Rupert Everett) und Zar Alexander (Edouard Philipponnat) oder sarkastisch Implikationen. Selbst der katastrophale Russlandfeldzug wird zu einem unglücklichen Rückzug statt zum ultimativen Zeugnis eines buchstäblich mörderischen Machivellismus. Wenn schließlich nach dem tragisch verbrämten Tod des exilierten Titelhelden auf St. Helena gleich einer inszenatorischen und weltgeschichtlichen Fußnote die Hunderttausende – allein militärischer – Todesopfer der napoleonischen Kriege aufgelistet werden, wirkt jene Demonstration einer in Dramaturgie und Inszenierung auf ein Minimum beschränkten Revision nicht nur unaufrichtig, sondern zynisch. 

In seiner bombastischen Bildgewalt erhebt sich Ridley Scotts wuchtiges Kostümtheater zu einem cineastischen Pendant des überlebensgroßen Hauptcharakters. Von einem trotz seiner darstellerischen Determination fehlbesetzten Joaquin Phoenix verkörpert, verflacht seine komplexe Persönlichkeit zum gescheiterten Idealisten und heroischen Heerführer. Die spektakulären Schlachten-Gemälde sind die visuellen Höhepunkte des in Ausstattung und Aufwand unbestreitbar eindrucksvollen Herrscherporträts: artifizieller Akademismus, in seiner verstaubten Erhabenheit ebenso monumental wie museal. 

  • OT: Napoleon 
  • Director: Ridley Scott
  • Screenplay: David Scarpa
  • Country: USA, UK
  • Year: 2022
  • Running Time: 158 min. 
  • Cast: Vanessa Kirby, Joaquin Phoenix, Ludivine Sagnier, Rupert Everett, Mark Bonnar, Ben Miles, Catherine Walker, Ian McNeice, Tahar Rahim, Paul Rhys, Erin Ainsworth, Youssef Kerkour, Edouard Philipponnat, Matthew Needham, John Hollingworth, Scott Handy
  • Image © Apple TV+
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