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Takashi Miike crams overload of half-baked hardboiled ideas in killer thriller comedy „Shield of Straw“

Takashi Miike crams overload of half-baked hardboiled ideas in killer thriller comedy „Shield of Straw“

Nach der Musical-Romanze For Love’s Sake Only, dem Slasher Lesson of the Evil und nicht zu vergessen der Manga-Verfilmung The Mole Song in den Startlöchern, fand Japans manisch-produktiver Filmemacher Takashi Miike noch Zeit für einen gepflegten Action-Krimi. 

Clever ist Wara No Tate, allerdings vor allem in der Drapierung der furiosen Prämisse. Jeder Bürger wird zum potentiellen Attentäter eines Kindermörders, auf den eine Billionen Yen Kopfgeld ausgesetzt sind. Tokioter Spezialagenten Mekari (Takao Osawa) und dessen ehrgeizige Kollegin Shiraiwa (Nanaku Matsushima) sollen Kunihide Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara) unbeschadet zur Gerichtsverhandlung eskortieren, begleitet von einer Polizeieinheit, in deren Reihen selbst einige gern seinen Tod hätten – oder die Belohnung. Anders als der wiedermal widersinnige deutsche Verleihtitel Die Gejagten unterstreicht der Originaltitel die Brüchigkeit des dichtmaschigsten Gewebes, wenn darin nur ein Halm nicht Stand hält. Anfangsbilder eines Kinderbeins in einem Abwasserrohr und blutigen Mädchenschuhs ziehen in eine Story, zu hektisch und unausgegoren, um nachhaltig zu fesseln. Das Opfer ist die siebenjährige Enkelin des todkranken Multimillionärs Ninagawa (Tsutomu Yamazaki). Der eröffnet auf allen medialen Kanälen die Jagd auf den Killer. 

Dessen abscheuliches Verbrechen ist weder sein erstes noch letztes, ginge es nach ihm. Der notorische Kiddy-Killer späht während seiner hochbrisanten Überstellung durch den stoischen Mekari (Takao Osawa) und die von Wut und Geldnot in ihrer Unbestechlichkeit wankenden Kollegen bereits nach neuen Opfern. Weder ist der irritierend milchgesichtige Kiyomaru ein von psychischen Dämonen geplagter Zwangskranker wie Peter Lorres Killer in M – Eine Stadt jagt einen Mörder, noch ein willkürlich Verdächtigter wie Spencer Tracy in Fury. Er ist ein durch forensische Beweise überführter, geständiger Serientäter, den sein zwischen Herumwinseln, Provokation und Häme wechselndes Verhalten denkbar abstoßend macht. Die durch Miikes bissigen Humor pointierte Negativcharakterisierung schärft den Fokus auf den zentralen Konflikt: Darf man jemanden umbringen, der hundertprozentig und zweifelsfrei ein totales Arschloch ist? Nachdem Kiyomaru sich freiwillig stellt, lastet die Problematik auf Fukuokas Polizei, von der so manche ihr miserables Gehalt mit Ninagawas Jagdprämien aufbessern wollen. 

Mit Unterbezahlung kämpfen offenbar nicht nur Staatsbeamte, denn von der Krankenschwester bis zum Trucker haben zahlreiche Bürger für Kiyomaru eine Freifahrkarte ins Jenseits. Dort landet der ichere Kandidat für die Todesstrafe letztlich sowieso. Zynische Twists wie diese bürokratische Ironie verleihen dem Handlungskonstrukt eine innere Dynamik und Doppelbödigkeit, aus denen ein geschliffener Psychothriller, pechschwarze Satire oder bissige Gesellschaftskritik hätte hervorgehen können. Miike weiß das und will alles, am Liebsten auf einmal. Unfähig oder unwillig eine Richtung einzuschlagen, stagniert die sarkastische Hardboiled-Fiction, zu deren Ende der Regisseur wohl dachte wie sein auf spezielle Weise reumütiger Killer: „Ich hätte noch so viel mehr getan, hätten die mich nur gelassen!“ 

  • OT: Wara No Tate
  • Regie:  Takashi Miike
  • Drehbuch: Kazuhiro Kiuchi, Tamio Hayashi
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 124 min. 
  • Cast:  Takao Osawa, Nanako Matsushima, Gorô Kishitani, Masatō Ibu, Kento Nagayama, Hirotaro Honda, Kazuya Takahashi, Gô Ibuki, Takuma Otoo, Kenji Nagae, Wataru Shihôdô, Kazuyoshi Ozawa, Yoshiyuki Yamaguchi, Yasukaze Motomiya, Miho Ninagawa, Taro Suwa
  • Kinostart: 10.07.2014
  • Beitragsbild © Warner Bros.
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