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Jake Gyllenhaal ist der „Nightcrawler“ in Dan Gilroys amüsantem Neo-Noir

Jake Gyllenhaal ist der „Nightcrawler“ in Dan Gilroys amüsantem Neo-Noir

Die gespenstische Topographie von Dan Gilroys bitterböser Mediensatire ist ein verkommenes L. A. voll schäbiger Mietskasernen und gleißender Leere, die sich tief ins Innere des apathischen Protagonisten erstreckt. In endlosen nächtlichen Straßen ist Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) auf der Pirsch nach dem nächsten Opfer. Diejenigen, die er erwischt, sind tot oder so gut wie. Doch Lou ist kein Raubtier, er ist ein Aasgeier: ein Stringer, der reale Gewaltbilder an spekulative TV-Sendern verscherbelt. Gilroys zynisches Regiedebüt bricht den Amerikanischen Traum auf die Realität herunter. Die Erfolgs-Story eines Selfmademan beobachtet dessen Aufstieg vom Kleinganoven zum Chef eines eigenen Nachrichtendiensts und vom Außenseiter zum Soziopathen.

Als dieser erinnert der hohlwangige Gyllenhaal an eine jüngere Version Willem Dafoes, der in den 80ern in dessen Alter war. Die Ära von Broadcast News und Maniac überdauert in den heruntergekommenen Panoramen, über die Kameramann Robert Elswit wie über einen vergilbten Urlaubskatalog fliegt. Nur ist die hypnotische Nachttour weniger ironisch und blutig, obwohl letztes am besten läuft. „If it bleeds, it leads“, registriert Lous zukünftiger Konkurrent Joe (Bill Paxton), der sein Material an Fake-VOX-Programmchefin Nina Romina (Rene Russo) verkauft. Das perverse Geschäft ist die Berufung des von Selbsthilferatgeber-Floskeln angespornten Lou, der nicht zögert, sich die Hände schmutzig zu machen – im doppelten Sinne.

If it bleeds, it leads

– Lou Bloom

Wer als erster vor Ort ist, rückt Familienfotos und Leichen gleich Requisiten ins Licht. Je drastischer die Bilder, desto mehr bringen sie: Einschaltquoten, Publikum, Geld. „Drastisch“ und „grausam“ sind Rominas Leitkriterien bei der Bildauswahl. Zurückgehalten wird nichts; höchstens, um es den sensationsgeilen Zuschauern häppchenweise zu füttern, um Einschaltergebnisse zu maximieren. Die anonyme Masse will nicht informiert werden, sondern unterhalten. Reality-TV füttert mit der Suggestion von Hyperrealismus und Authentizität die soziophobische Panik der weißen, wohlhabenden Hauptzielgruppe: vor Armen, Farbigen und all den Minderheiten, die in ihre heile Welt einbrechen könnten. Tatsächlich lassen sie das Verbrechen in Form der Sensations-News selbst in ihre Wohnzimmer.

Die Zuschauerschaft hat die Medienleute, die sie verdient: Individuen wie Lou, der bald mit hochprofessioneller Technik und dem eingeschüchterten Assistenten Rick (Riz Ahmed) Karriere macht. Seine zwischenmenschliche Inkompetenz und kaltblütige Egomanie machen ihn zum Nachfolger von Taxi Driver Travis: ein Psychopath, der in einer abgestumpften Gesellschaft nicht weiter auffällt. In einem von Gier nach Erfolg, Geld und Sex geleiteten Umfeld erblüht sein barbarisches Talent und trägt Früchte, die auch seiner Vorgesetzten schmecken: „Ich denke Lou ist für uns alle eine Inspiration, nach Höherem zu streben.“ Der morbide Neo-Noir als Satire nicht immer funktioniert, dann weil er zu dicht an der Realität ist.

  • OT: Nightcrawler
  • Regie: Dan Gilroy
  • Drehbuch: Dan Gilroy
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 119 min.
  • Cast: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Anne McDaniels, Ann Cusack, Kevin Rahm, Riz Ahmed, Kathleen York, Eric Lange, Jamie McShane, Michael Hyatt, Viviana Chavez, Jonny Coyne, Emily Dahm, Carolyn Gilroy
  • Kinostart: 13.11.2014
  • Beitragsbild © Concorde