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Pretty ugly: Disney’s „Beauty and the Beast“

Pretty ugly: Disney’s „Beauty and the Beast“

Die Märchenadaption mit dem Kitsch-Kommerz-Warnstempel ist das filmische Pendant des Titelcharakters – mit dem signifikanten Unterschied, das hier die Hülle schön anzusehen ist und das Darunter ziemlich hässlich. Dass der Kassenerfolg als erster der modernen Disney Zeichentrick-Klassiker gilt, bezeugt mehr die Rückständigkeit der Vorgänger statt irgendeiner greifbaren Form von Innovation, sei sie inszenatorisch, narrativ oder stilistisch. Belle ist ungefähr so selbstbestimmt wie Arielle, deren markanteste Entscheidung die Selbstverformung und -aufopferung für einen Mann ist. Belle liest, doch emanzipatorisch waren lesende Frauen schon 1740 nicht mehr, als Gabrielle-Suzanne de Villeneuve die erste literarische Fassung des Volksmärchens niederschrieb. Aussagekräftiger ist die Wahl ihrer Lektüre.

It‘s my favorite part because, you‘ll see, here‘s where she meets Prince Charming. But she won‘t discover that it‘s him till chapter three.“ Nichts mit intellektuell und wissbegierig, die junge Frau liest natürlich Liebesschnulzen und Abenteuerromanzen, die – nein, wie raffiniert – ihre bevorstehende Romanze vorwegnehmen. Die Schwärmerin schwärmt von de, wovon alle ihre Vorgängerin träumten: Prince Charming. Außerdem ist sie fleißig, fürsorglich, allerliebst und singen kann sie auch – wie alle Disney Prinzessinnen. Ihre definierende Eigenschaft jedoch ist rein oberflächlich, nämlich Belles nominelle Schönheit. In der Vorlage tritt Belles Vater in die Tradition grausamer Märcheneltern, die Kinder aussetzen, verstümmeln, töten oder dies beabsichtigen.

Auf der Leinwand opfert sich seine Tochter, denn wer „verwöhnt, selbstsüchtig und unfreundlich“ ist, wird wie der eitle Prinz bestraft. Hässlichkeit wird zum verdienten Schandmal eines üblen Charakters. Hey, war das hier nicht der Film mit der Botschaft von wahrer innerer Schönheit und so? Nein, das hier ist der Film, der unerbittlich auf der Deckungsgleichheit von Äußerem und Persönlichkeit besteht. Die Hässlichen sind böse, die Schönen gut. Wer gegen diese Weltordnung verstößt, wird ihr entweder magisch angepasst wie der Prinz oder eliminiert wie Gaston, dessen Attraktivität tatsächlich eine Groteske ist. Sogar die Bediensteten sind in Möbelstücke verwandelt, die auf ihr Naturell verweisen.

Belles Schönheit erscheint als Vorschusslorbeeren für die Tugend, die sie unermüdlich zur Schau stellt. Die Geisteshaltung hinter diesem Konzept besingt die Dorfbevölkerung: „We don’t like what we don’t understand, in fact it scares us“. Was nicht offensichtlich ist, ist buchstäblich un-geheuer. Die Abenteuer im großen weiten Irgendwo, die sich die Protagonistin anfangs vorstellt, werden zertreten, als sie mit Prinz Charming auf Reichtum, Adel und Ehe zu tanzt. Dieses verlogene Happy End erfüllt zynisch die Prophezeiung des schurkischen Gaston, der Belle jenes Los an seiner Seite zudachte: „This is the day Your dreams come true“ Träume werden wahr – nur nicht die der Heldin.

  • OT: Beauty and the Beast
  • Regie: Gary Trousdale, Kirk Wise
  • Drehbuch: Linda Woolverton, Roger Allers, Kelly Asbury
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 1991
  • Laufzeit: 84 min.
  • Cast: Paige O ́Hara, Robby Benson, Rex Everhart, Richard White, Jesse Corti, Alvin Epstein, Tony Jay, David Ogden Stiers, Angela Lansbury
  • Kinostart: 22.11.1991
  • Beitragsbild © Walt Disney