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What the Dickens: Disneys „A Christmas Carol“ expandiert die Verlogenheit der Vorlage

What the Dickens: Disneys „A Christmas Carol“ expandiert die Verlogenheit der Vorlage

Ginge es nach Ebenezer Scrooge, würden sie alle in ihrem Weihnachtspudding gekocht und mit einem Tannenzweig durchs Herz begraben. Dieses Schicksal wünscht den Feiertagsfanatikern nicht nur Charles Dickens bekanntester aller Weihnachtsmuffel . Kitsch, Kommerz & Klassiker suchen in Robert Zemeckis unseliger Adaption das Kino heim.

Bei der Besetzung war der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent noch knausriger als der Hauptcharakter: Gary Oldman spricht vier Rollen, Robin Wright Penn zwei, nur der arme Colin Firth bekommt als Scrooges Neffe nur eine Stimmlage. Dafür ereilen Jim Carrey, der bereits in The Grinch eine Lektion in christlicher Nächstenliebe lernte, davon sieben. Neben Scrooge in vier Lebensaltern leiht er den Weihnachtsgeistern die Stimme. Verständlich, dass der Feiertagsstress Scrooge schließlich ins Grab bringt, wenn auch nur im Albtraum. Echt gemein, am 25. Dezember zu sterben, wo es bis zum nächsten Feiertagshorror ein Jahr ist. Schlimmer trifft es bloß das Christkind, dessen Geburtstag seit 2000 Jahren auf Heiligabend fällt.

Vorwerfen, er verkitsche das Original lässt sich Zemeckis schwerlich. Dickens Vorlage strotz vor Biederkeit, Sentimentalität und Moralismus. Die drei bösen Geister der Kinoweihnacht entladen sich in glatter Computeranimation, kälter, herzloser und materialistischer, als es Scrooge je war. Das Düstere der Story ignoriert Zemeckis. Elend versteckt im viktorianischen London eine romantische Schneedecke. Jeder lacht und ist frohgemut, selbst Bettelkinder, denen ein Hund einen Knochen wegschnappt. Scrooge stört die Heile Welt. Taucht er auf, verstummen die Straßensänger, Kinder und Tiere flüchten. Schuld an der Ausgrenzung ist Scrooge selber. Sein Verbrechen? Nicht fröhlich sein. Warum sich alle wie blöd freuen, obwohl unbezahlte Rechnungen warten und ihre Familien hungern, weiß keiner.

Scrooge vergeht angesichts von Leid und Schlechtigkeit die Feierlaune, was Zemeckis als unerträgliches Spaßbremsen auslegt. Statt die feierliche Heuchelei zu enthüllen, wird das Klischee der „glücklichen Armen“gefeiert. Tatsächlich ist A Christmas Carol die unmenschlichste der Weihnachtsgeschichten. Was ließe Reiche ruhiger schlafen, als der Glaube, Arme seien im Elend glücklich? „Arm und mehr als zufrieden“, heißt es wörtlich. Tiny Tim, humpelnde Quintessenz Mitleid erregender Niedlichkeit, freut sich gar über sein Handicap, weil es Gottes Güte lehre. Wieso ist ein Gott gütig, der kleine Kinder sinnlos straft? Scrooge jedenfalls ist nicht „mehr als zufrieden“, denn Reichtum verdirbt hier angeblich die Lebensfreude. Doch statt Mitgefühl erntet Scrooge Hohn und Verachtung.

Dabei ist er der einzige unter faden Klischeefiguren, der sich entwickelt, doch auch das übergeht die Story. Ein Zeitsprung und der fröhliche junge Mensch ist Misanthrop. Adrett verpackten und hohl wie Deko-Geschenke in der Kaufhausauslage, verkauft die filmische Mogelpackung die Lüge, Herzensgüte wärme mehr als ein Kaminfeuer.

  • OT: A Christmas Carol
  • Regie: Robert Zemeckis
  • Drehbuch: Robert Zemeckis
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2009
  • Laufzeit: 96 min.
  • Cast: Jim Carrey, Colin Firth, Gary Oldman, Bob Hoskins, Robin Wright Penn, Molly C. Quinn
  • Kinostart: 05.11.2009
  • Beitragsbild © Walt Disney