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„Im Grunde seines Herzens war eine große Einsamkeit“ – Interview mit Christoph Rüter

„Im Grunde seines Herzens war eine große Einsamkeit“ – Interview mit Christoph Rüter

Er ist wie ein Messer. Man schneid´ sich an ihm. Mit dem Büchner-Zitat charakterisiert Christoph Rüter den Dichter, Dramatiker und Schriftsteller Thomas Brasch. Beide verbindet mehr als Rüters Kinodokumentation zwischen biografischem Essay und Schaffensskizze. In Brasch – Das Wünschen und das Fürchten zeichnet der Regisseur ein präzises Porträt des kontroversen Künstlers, dessen Todestag sich zum Filmstart jährt. Im Bistro direkt unter Braschs einstiger Wohnung am Schiffbauerdamm, sprach Rüter über Einsamkeit, Exzesse und den Einfluss, den der langjährige Freund nicht nur auf ihn hatte.

Zu Beginn des Films schlendern Sie hier über den Schiffbauerdamm und erzählen, hier haben Sie Thomas Brasch kennengelernt.

Kennengelernt habe ich ihn früher, ´88. Der Regisseur des Georg-Büchner-Stücks „Leonce und Lena“ hatte die gute Idee, Brasch einzuladen. Es gibt darin diese beiden Königreiche, Pipi und Popo. Brasch ist vom Osten nach dem Westen gegangen – sozusagen „von Pipi nach Popo“. Der Regisseur hat ihn durch sein Schicksal als einen Wiedergänger von Büchner gesehen. Durchaus zu Recht, wie ich finde. Thomas saß allein zu Haus mit einer Schreibhemmung – über die er übrigens ganz offen gesprochen hat, wenn er eine hatte – und machte gerne mit. Da haben wir uns befreundet und ich blieb in seinem Kreis, bis zu seinem Tod.

Was sich quasi eine Etage über uns abspielte.

Hier, die Wohnung am Schiffbauerdamm; für ihn war das wichtig als eine Art Rückkehr. Er ist ja ´76 aus dem Osten rausgeschmissen worden. Hier noch mal hinzuziehen hat ihn nervös gemacht. Das wollte er dokumentiert haben, dass ich festhalte, wenn er zum ersten Mal den Vermieter trifft. Zum Teil ist das in den Film eingeflossen.

Kam der Gedanke an einen Film über ihn während des Kennenlernens oder erst später, nach seinem Tod?

Ich war damals Dramaturg und habe später erst angefangen Filme zu machen. Damals habe ich Heiner Müller bei der Inszenierung von „Hamlet“ am Deutschen Theater begleitet. Das war eine hoch aufregende Zeit, weil die Mauer fiel. Thomas und ich haben über Film gesprochen, es war ständig Thema. Ich habe zum Beispiel einen Film über Klaus Kinski gemacht. Der hatte ein ähnliches Temperament. Das waren Brüder im Geiste. Ich habe Thomas gebeten, da er sich wahnsinnig dafür interessiert hat, den Off-Kommentar zu sprechen. Nach seinem Tod habe ich für 3Sat einen 30-Minüter gemacht, wo ich zum Teil auf das Material zurückgriff. Aber Brasch ließ mich nicht los. Durch die Erbengemeinschaft fielen mir seine privaten Kassetten in die Hand. Das war ein Schatz. So hätte ich ihn niemals filmen können, wie er sich selbst im Vergehen beobachtet. Mit seinem privaten Material, was unheimlich radikal und authentisch ist, hat es plötzlich funktioniert. Der Stoff wurde kinotauglich.

Braschs Biografie ist von Brüchen geprägt. Es scheint, er wird nie richtig heimisch.

Er hatte etwas Unbehaustes. Eine Mischung aus Verwahrlosung und Unbehaustheit. Das hier oben war der letzte Versuch, so was wie heimisch zu werden. Verfolgung war ihm durch das Schicksal seiner Eltern eingebrannt. Auch sein Vater, hatte ich das Gefühl, kam nie richtig in der DDR an, obwohl er Karriere gemacht hat. Er blieb am Rand. Das war auch die Position von Thomas: von den Rändern seine Existenz zu sehen und zu denken.

Gab es auch Brüche in Ihrer Freundschaft?

Ich hatte eine relativ sichere Position. Ich war jünger und Thomas für mich auch ein Lehrer. Es gefiel ihm, was ich für Filme mache und dass ich mich für sein Leben interessierte. Wir haben viel über seine Übersetzungen gesprochen, über sein Werk. Ich war ein Freund, den er jederzeit anrufen konnte, dem er was vorlesen konnte. Die Frauen hatten es schwerer mit ihm. Da waren üble Geschichten, wo ich erschrocken war über seine Aggressivität.

Er scheint ein Einzelgänger ohne Gefährten. Trügt das?

Er war alleine. Im Grunde seines Herzens war eine große Einsamkeit in ihm, obwohl immer was los war. Er war begabt darin, die Leute an sich zu ziehen. Er war der Fixstern, der umkreist wird. Er hat gelebt, wie er leben musste. Das Bild ist verbraucht, aber er war wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt.

Wie denken Sie wirkt er auf die Nachgeborenen, für die der Ost-West-Konflikt Geschichte ist?

Ich glaube Thomas Brasch wird uns alle überleben. Deshalb ist es für mich schön, dass ich zum Gedenken beitrage. Jede Generation muss selbst entscheiden, wann lese ich wieder Büchner, wann lese ich wieder Kleist. Es liegen noch viele Gedichte im Archiv. Es gibt noch unheimlich viel zu entdecken. Ich kann nur für ihn werben, weil ich sage, das ist ein aufregender Mann. (Zeigt auf den Tresen) Hier fand übrigens die Totenfeier statt. Da standen Fanta und Wodka auf dem Tisch.

Nicht Cola und Wodka, Fanta –

(Lacht) Fanta und Wodka. Und wir haben uns hier fürchterlich besoffen, aber das musste sein.

Welche Persönlichkeit fasziniert Sie für ein weiteres Projekt?

Das war mein Schlussstein. Alle Filme, die ich gemacht habe, sind aus einem Muss heraus entstanden. Kunst kommt von müssen, nicht von können. Auch ein Satz von Thomas. Er beschreibt quasi ein essayistisches Konzept in die Kamera. Daraus habe ich meinen Auftrag gelesen. Aber es gibt jetzt nichts, das ich muss. Jetzt bin ich wieder frei.

Vielleicht aber Ideen, die Sie reizen?

Spielfilme. Ich muss jetzt den Schritt in eine künstliche Welt gehen. Ich bin erstmal durch mit dem Dokumentarischen. Wie Heiner Müller gesagt hat: „Du musst immer das machen, was du nicht kannst. Nur dann bleibt das Leben aufregend.

Beitragsbild © Mücke Filmpresse