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„Es gibt zwischen uns allen Menschen eine unsichtbare Wand“ – Interview mit Martina Gedeck

„Es gibt zwischen uns allen Menschen eine unsichtbare Wand“ – Interview mit Martina Gedeck

Einsamkeit, Isolation und innere Kraft konstituieren die klaustrophobische Lage der Hauptfigur von Marlen Haushofers vielschichtigem Roman. Dessen Leinwandadaption ruht ganz auf dem Schauspiel Martina Gedecks. Die Darstellerin spricht über ihre Hauptrolle in Die Wand und die psychologischen Implikationen eines ambivalenten Klassikers der Gegenwartsliteratur.

Diese unsichtbare Wand wurde tausendfach gedeutet. Mussten Sie eine Erklärung finden?

Es gibt zwischen uns allen Menschen eine unsichtbare Wand und die unsichtbare Wand ist hier stärker dadurch, dass alles, was hinter der Wand ist, tot ist. Tot heißt, dass sie keine Beziehungen hat und haben kann zu dem, was hinter der Wand liegt. Das heißt, dass sie zu den Menschen und zu ihrem vergangenen Leben keine Beziehung mehr hat, dass sie abgeschnitten ist. Also eine Art Einbruch, was ihr den Zugang zu ihrem bisherigen Leben verwehrt. Das, denke ich, ist diese unsichtbare Wand, die sie auf sich selbst zurückwirft und auf ihre ureigenen, zu ihrem Wesen gehörenden Fähigkeiten. Die Wand löst eine Form von Reduktion aus. Dann ist natürlich interessant: was bleibt übrig? Das findet sie raus, was da übrig bleibt und das ist in erster Linie ihre eigene Würde und auch die Würde des Lebewesens, dem sie begegnet, also den Tieren; dem Leben eigentlich selbst. Das ist etwas, an das sie sich halten kann, von dem sie vorher vielleicht nicht einmal wusste. Die Würde hat sie vorher nicht gehabt. Sie hatte viel Welt, aber wenig Würde. So habe ich es gesehen. Das kann ja jeder für sich. Es kann eine Krankheit sein, eine Depression oder ein Verlust. Das finde ich dann unerheblich.

Hat die Figur Sie auch in ihrem Alltag durchdrungen? Sie außerhalb der Drehsituationen wortkarger gemacht?

Das war schon so, dass ich das wollte. Ich hab in der Zeit eigentlich gelebt wie die Frau. Außer, dass ich keinen Hund hatte.

Hat es Sie verändert?

Ich war schon vorher verändert. Ich war schon bevor ich Die Wand gedreht hab, ein bisschen so wie die Frau. Deswegen war mir das nicht fremd. Ich war schon vorher jemand, der viel für sich ist und der eher kontemplativ lebt. Für mich war nur neu, dass es in einem Film behandelt wird. Die Reduktion im Spiel und dieses klare, auf‘s Essenzielle Reduzierte war schon immer mein Wollen in meiner Arbeit. Das habe ich schon immer versucht in Rollen unterzubringen, obwohl sie sprechen. Ich hab immer eine Art unterschwelliges tiefes basso continuo geführt in meinen Rollen. Ich bin von Beginn in dieser tiefen Schicht unterwegs gewesen. Das war für mich die pure Freude.

Ist es besonders schwer ohne Spielpartner, der reagiert?

Ich musste viel mit dem Hund zusammenspielen. Das war ein Partner, der uns allen einiges abverlangt hat. Wir mussten wie ein eingeschworenes Paar sein. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig das war. Dann musste der Hund laufen, dann musste der warten, dann kam ich, dann musste der schnüffeln. Hat der Hund natürlich nicht gemacht. Der Hund ist dahin gelaufen, war aus dem Bild. Ich hab dann eine Methode gefunden. Ich hab mit ihm gesprochen: (flüstert)Fuß gehen, Fuß gehen!“ Wenn ich die Wand sehen und schaue schockiert nach oben, bleibt er ja nicht stehen. Das denkt man nur, weil man das im Film sieht: logisch, da ist ja die Wand. Aber er macht das nicht. Von daher war ich schon stärker denn je auf meine Partner konzentriert. Ich hab nach drei Wochen gedacht, ich bin nur beschäftigt damit, was mit dem Hund los ist. Nicht nur ich, sondern alle. Eigentlich selten ging es so wenig um mich, wie in diesem Film. Nein, das ist jetzt übertrieben, aber so kam‘s mir vor.

War die Begegnung mit dem Buch eine Wiederbegegnung?

Ja. Ich war 20 als ich dem Buch begegnet bin und fand das Buch sehr eindrücklich, hab vieles auch nicht begriffen. Ich war fasziniert von der Sprache und hab mich auch gefürchtet. Ich fand es eher beklemmend, wobei das Grauen in dem Buch implizit ist. Es schwingt immer mit. Es ist, wie wenn jemand schwer krank ist. Es ist einfacher selbst auf den Tod zu liegen, als für die Angehörigen, die um Leben und Tod bangen. Also, es ist leichter es zu tun, als es zu lesen. Wenn ich den Film sehe, finde ich es leuchtender und stärker als ich es damals empfunden habe. Ich gehe bereichert aus dem Film. Beim Buch war mir das nicht so klar. Ich wollte diese Frau nicht alleine in ihrem Wald zurücklassen. Ich wollte dieses Buch gar nicht weglegen.

War es beängstigend, sich als Filmfigur in dieser Beklemmung wiederzufinden oder war es eine kathartische Erfahrung?

Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich das Alleinsein nicht gekannt. Jetzt kenne ich das Alleinsein. Jetzt habe ich viel Vertrautes im Buch gefunden. Als erwachsener Mensch empfinde ich das Grauen als etwas Aufregendes. Ich empfinde die Tatsache, dass etwas passiert, von dem ich nicht weiß, was es ist, als anziehend. So ist es eigentlich im Leben. Wenn man erwachsen ist, denkt man, man weiß alles und kennt alles. Insofern hat mich dieses Grauen der Tatsache, dass es etwas Neues gibt, erfreut. Es geht ja auch viel um Töten und auch der Tod hat durchaus Anziehendes. Der Tod ist natürlich grauenvoll, aber er hat auch was Anziehendes.

Beitragsbild © StudioCanal