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„Die Ausbeutung durch die Reichen und Mächtigen wiederholt sich wieder und wieder“ – Interview mit Paul Laverty

„Die Ausbeutung durch die Reichen und Mächtigen wiederholt sich wieder und wieder“ – Interview mit Paul Laverty

Gier, Geschichte und Größenwahn bestimmen den humanistischen Konflikt in Icíar Bollaíns doppelbödigem Drama Even the Rain – También la lluvia. Drehbuchautor Paul Laverty sprach über politische Parallelen und die Destruktivität historischen Desinteresses.

Was waren Deine Gedanken angesichts des Aufstands 2000?

Als ich die Geschichte studierte, sah ich die Nachrichten von der Bevölkerung Boliviens, die wieder kämpfte, nicht gegen Kolonialisten, sondern die moderne Armee. Ich dachte nur: Hat sich wirklich etwas verändert? Es war sehr aufwühlend zu sehen wie Hunde auf die Menschen gehetzt werden, genau wie ich es von vor 500 Jahren gelesen hatte. Wenn ich diese Zeitperioden verbinden könnte, könnte ich die Geschichte wertvoller machen.

Du zitierst in der Einleitung Howard Zinn –

Gut zu sehen, dass jemand die Einleitung gelesen hat.

Ich möchte Geschichte nicht um der menschlichen Augenblicke willen erfinden“. Ist das nicht auch, was Du tust? Oder ist Sentiment in der historischen Erzählung notwendig, um das heutige Publikum anzusprechen?

Ich denke, Sentiment ist Teil des Menschlichen. Man dringt ein in den Schrecken der tatsächlichen Ereignisse. Das ist es, was Film vermag. Die Herausforderung war, so viel Geschichte zu verbinden, doch Raum zu Entwicklung der Charaktere zu lassen. Daher habe ich kein Problem eine Geschichte zu erzählen, in der Emotionen einen Großteil des Drehbuchs sind.

Spiegelt der Konflikt des Regisseurs Sebastian zwischen Ehrgeiz und Idealismus eigene Ängste wieder?

Diesen Film zu machen dauerte zehn Jahre. Ich hätte es lieber gesehen, dass er von Juan Carlos und seinen Freunden gemacht wird, aber das wird nie passieren angesichts dessen, wie die Filmwelt funktioniert. Solch einen Film zu bewerkstelligen ist eine gigantische, obsessive Anstrengung. Daher können wir uns mit dem Regisseur identifizieren. Man glaubt, man erzähle eine andere Geschichte. Aber in Wahrheit sind all die Bemühungen viel bescheidender. Wir sind nicht so wichtig, wie wir es uns einbilden.

Die beiden Figuren scheinen Spiegelbilder: ein Idealist und ein Zyniker.

Jeder hat etwas Idealistisches in sich. Zynismus hängt von der Familie und dem sozialen Hintergrund ab. Kommt man aus einem harten Umfeld, ist es leichter zynisch zu sein, weil die Leute auf einen geschissen und getreten haben. Leute mit einem privilegierteren Hintergrund begreifen manchmal nicht, wie hart das Leben ist.

Wie stark warst Du in die Dreharbeiten einbezogen?

Als die Produzenten kamen war es Bedingung, dass sie mit den Einwohnern arbeiten, damit es deren Film wird. Für mich waren sie großartig. Wir hatten ausgesprochenes Glück mit der Regenzeit. Um ein Haar wären wir nicht fertig geworden. Wir sind kein Hollywood-Unternehmen, aber alles wurde fair und transparent gemacht. Das war das Geheimnis unserer großartigen Dreharbeiten.

Wie hat der Wasserkrieg die Handlung beeinflusst?

Es waren keine kosmetischen Änderungen, sondern eine radikale Neukonzipierung. Das Ganze war verfasst als Historienfilm von der Ankunft Columbus, der bei einer Ankunft sagte: „Mit nur 500 Mann konnten wir sie unterwerfen und dazu bringen, zu tun, was wir wollten.“ Seltsam, wie wir das als Metapher für die Gegenwart auffassen. Es gibt eine kleine finanzielle Elite. Die Reichen, Mächtigen, mit den guten Verbindungen, bestimmen die Regeln.

Glaubst Du, die Geschichte wiederholt sich? Heute braucht man nicht 50 Mann, sondern nur 5 mit Geld, die keine Rüstung tragen, sondern Anzüge.

Suit“ kommt, denke ich, von Sutane, der Priesterbekleidung. Wir sehen, wie die Leute versuchen, Wasser zu privatisieren. Die meisten der Probleme, denen wir gegenüberstehen, kamen aus amerikanischen think tanks. Das sind die neuen Theologen. Sie reden über Wahrheit in einem messianischen Ton und versuchen sie mit enormer Gewalt durchzusetzen. Die Ausbeutung durch die Reichen und Mächtigen wiederholt sich wieder und wieder.

Ist es nicht frustrierend, dass Du den Finger in Wunden legst und die Leute dennoch desinteressiert an politischen Fragen scheinen?

Kens Filme laufen nicht so gut im Kino, aber geht man rauf nach Paisley, zitieren die Kids auf den Straßen Szenen daraus. Keiner von ihnen hat sie im Kino gesehen, aber auf DVDs oder Raubkopien. Kino findet seinen Weg. Auf gewisse Art befriedigt mich das.

Costas sagt im Film „Es geht immer um Geld.“ Wie groß ist der Zwiespalt zwischen der Notwendigkeit erfolgreich sein zu müssen, um weiterarbeiten zu können, und Authentizität?

Kino ist eine Reflektion der Finanzwelt. Aber in dieser Beziehung bin ich Optimist. Nicht jeder will sich sentimentale Mainstream-Filme reinziehen. Besonders nicht die, die Gewalt, Egoismus, Gier, Rassismus und Sexismus verherrlichen. Wenn der Inhalt eines Films die Leute berührt, kann er sie inspirieren. Irgendwie kommunizieren Ideen. Widerstand findet einen Weg.

Pendelst Du nun zwischen Großbritannien und Spanien?

Ich bin Iciar bei einem Film zur Hand gegangen und habe gerade mit Ken eine Story in Glasgo beendet. Eine schwarze Komödie. So wie man weinen muss, muss man auch ab und zu lachen.

Beitragsbild © Piffl Medien