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Berlinale ’15: Berichte – Teil 4

Berlinale ’15: Berichte – Teil 4

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin – Panorama

Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt!“, wiederholt Musiker und Plattenproduzent Mark Reeder den abgenutzten Spruch. Genau darauf setzt die mit zahllosen Archivaufnahmen und -schnipseln, Nachinszenierungen und Zeitdokumenten unterfütterte Hommage an die West-Berliner Musikszene der Jahre 1979 bis 1989. Die über-hippe Berliner Boheme, die der halbdokumentarische Retro-Trip als Hauptpublikum anvisiert, ist zu jung, um den Sound des Underground der letzten Teilungsjahre bewusst miterlebt zu haben. Wer heute steil auf die Sechzig zugeht, hat womöglich tatsächlich nur noch ein verblasstes Bild – und wenn nicht, warum den Eindruck, dass man zum genau richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war und all die richtigen Leute kannte, korrigieren?

Was den cineastischen Club erst richtig geil (eines von Reeders Lieblingsworten und laut ihm eines der wichtigsten der West-Berliner 80er) macht, ist natürlich die Gästeliste: Nick Cave, Blixa Bargeld, Farin Urlaub, Bela B., Die Toten Hosen, David Bowie – und weil die wenigen Namen zu mickrig klingen, kommen noch ein paar nicht so geile oder total obskure hinzu: Westbam, Nena, Einstürzende Neubauten, Gudrun Gut, Christiane F. und der andere David (Hasselhoff). Der hat doch immerhin beim Mauerfall „Looking for Freedom“ gesungen und dabei eine geile Lederjacke mit blinkenden Lämpchen getragen! Sowieso war die Mauer bekanntlich nur gefallen, weil Dr. Motte und rund hundert Raver die erste Love Parade abhielten. Überhaupt gab’s damals in den gegenwärtig begehrtesten und teuersten Ecken Berlins nicht nur Banker und Büro-Lofts, sondern richtige Wohnungen (keine Airbnb-Mietbuden!) und alle zu Spottpreisen. Aber Geld brauchte man sowieso kaum, die DDR-Diktatur war allen schnurzpiepe, die Sonne schien jeden Tag und die Rente war so sicher wie der Regen auf die Erde fällt. So wirkt es bei Reeder. Außerdem brodelte alles vor Kreativität. Irgendwas brodelte auch in Klaus Maeck, der das Drehbuch geschrieben und mit Jörg A. Hoppe und Heiko Lange inszeniert hat. Die drei waren nämlich auch geil und mittendrin, sagt Sprecher und Hauptprotagonist Reeder: „We were there. I was there. And it was pretty fucking geil.“ Das hat am Ende selbst der letzte mitgekriegt. Die repetitive Egozentrik unterminiert für manche den Unterhaltungsfaktor der bunten Bilder, aber vielleicht ist es gerade diese hemmungslose Selbstbegeisterung, mit dem sich ein Hipster-Publikum identifiziert – was die Mockumentary zum heißen Kandidaten für den Panorama Publikumspreis macht. Es war nicht alles schlecht. Aber ob es wirklich so geil war?

  • OT: B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989
  • Regie: Jörg A. Hoppe, Heiko Lange, Klaus Maeck
  • Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Heiko Lange, Klaus Maeck, Mark reeder
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2015
  • Laufzeit: 92 min.

Flocken – Generation

Es gibt die Beute und es gibt die Jäger. Letzte treten in einer gespenstischen Szene aus dem Wald und erschließen ein neues Revier: das Grundstück der jungen Jennifer (Fatime Azemi), die für den Bruch ungeschriebener Gesetze sozial gerichtet wird. Die Täter tragen Tiermasken, doch nicht das Animalische bricht in Beata Gardelers Flocken (The Flock) hervor, sondern das spezifisch Menschliche: Perversion, Sadismus und Bigotterie, die das Tatsachen-Dramas zum sozialen Horrorfilm machen.

Die Regisseurin und Drehbuchautorin demaskiert in ihrem eindringlichen Jugenddrama klerikal getragenen Kollektivismus und alltäglichen Sexismus als das Monströse einer Gesellschaft, deren fragwürdige moralische Leitfiguren ihre Herde am Ende dafür loben, dass sie bewiesen habe „was Gemeinschaft erreichen kann“. Beschämender als die mit kühler Präzision aufgezeigte Mob-Mentalität ist deren Beiläufigkeit. Für ihre Klassenkameraden, Lehrer und den Pfarrer, selbst für ihre Mutter und kleine Schwester ist die 14-jährige Jennifer eine „verlogene Hure“, „Schlampe“, „was für ein Freak“. Geworden ist sie dazu an dem Tag, als sie ihren gleichaltrigen Mitschüler Alex der sexuellen Nötigung bezichtigt hat. Alex‘ Mutter Susanne (Eva Melander) und Jennifers ehemalige Freundinnen fragen, was sie eigentlich habe: will sie sich an Alex rächen? Sich wichtig machen? „Alles wird gut. Wir bringen das in Ordnung“, versichert Susanne ihrem Sohn, der dumpf vor sich hin schweigt. Auch Jennifer spricht wenig, doch ihre Wortkargheit ist voraussehend. Sie kennt das Kollektiv, in dem sie aufgewachsen ist, scheint von vornherein zu wissen, dass ihr niemand beistehen wird. Die Handlung spielt nicht im Bible Belt der USA, sondern im liberalen Schweden. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen gehört ebenso selbstverständlich zu unserem Alltag wie die Stigmatisierung von Frauen (insbesondere auch durch andere Frauen), die ihre Sexualität selbst bestimmen wollen: sei es privat, beruflich oder indem sie aus der Opferrolle ausbrechen. Susannes „Free Alex“-Blog bringt diese Haltung auf den Punkt: „Huren sind zum Vergewaltigen da.“ Die Misogynie ist omnipräsent, wie die emotionale Brutalisierung. Die traute Kommune ist ordinär, hinterhältig und zutiefst verroht. Man quält und tötet Tiere zum Vergnügen, bei der Fabrikarbeit oder wie Alex Vater, um Druck abzulassen. Im Kontrast zur offen gelebten Aggression steht Jennifers stille Wut, die ein Ventil sucht – und findet. In einer frühen Szenen ließt Jennifers Klasse einen bezeichnenden Satz aus The Lord of Flies. Doch die tiefere Botschaft jeder Pflichtlektüre reicht immer nur so weit wie der Intellekt der Leser.

  • OT: Flocken
  • Regie: Beata Gardeler
  • Drehbuch: Emma Broström
  • Produktionsland: Schweden
  • Jahr: 2015
  • Laufzeit: 110 min.

Berlinale Special Series

Die Berlinale geht in Serie! Moment – die Berlinale ist eine Serie. Sie läuft seit 1951, länger als Dinner for One, hat regelmäßig wiederkehrende Charaktere, Running Gags („Will the press-WLAN be as lame as last year?“ – „As lame as every year.“) und ist sie vorbei fragen sich alle, wie’s weitergeht. Am meisten bestimmt Berlinale-Leiter Dieter Kosslick. Wie wird die Berlinale hipper, lukrativer, berlinaliger? Indem sie dem Trend folgt und der tendiert klar weg vom Kino. Die Leute gucken nach wie vor, aber lieber daheim auf dem Sofa. Da kann man Currywurst mit Nacho-Sauce essen, jede Szene kommentieren ohne nerviges „Shhhh…!“ und auf Pause drücken, wenn man auf Toilette muss. Sowieso laufen die richtig guten Sachen heute im Fernsehen. Zahlreiche Serienformate ziehen in Sachen Darsteller, Regisseure, Budget und Produktionsaufwand mit dem Kino gleich oder überholen es. Überall schauen die Leute Serien, außer – auf der Berlinale! Damit ist jetzt Schluss.

Die Vorführung von Jane Campions Mini-TV-Serie Top of the Lake im vergangenen Jahr scheint in Retrospektive wie ein Testlauf für das neue Format, das acht Produktionen vertreten. Möglichkeiten zur Sichtung gab es nicht. Die Pressemitteilungen lassen wenig Hoffnung auf innovative und originelle Konzepte wie Twilight Zone, Twin Peaks, Die Simpsons oder South Park. Lieber geht man auf Nummer sicher mit deutscher Krimi-Kost über Kommissare mit krimineller Vergangenheit (Blochin) und DDR-Spione (Deutschland 83), dem schwedischen Thriller Bla Ögon (Blue Eyes) und dem Breaking Bad-Spin-Off Better Call Saul. Nichts klingt vielversprechend, wenn auch nicht alles so übel. Vor allem wirkt de Auswahl sehr mainstreamig, wie der gesamte Serien-Boom Mainstream ist. Passt das zur Berlinale? Ja, leider. Die Entscheidung, ob das Festival sich an Kunst oder Kommerz orientiert, scheint längst gefallen. Ob es von da ein Zurück zum unangepassten, anspruchsvollen Film gibt, ist fraglich.

Beitragsbilder © Berlinale

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