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Berlinale ’11: Fetischismus wird zum filmischen Fetisch in „Brownian Movement“

Berlinale ’11: Fetischismus wird zum filmischen Fetisch in „Brownian Movement“

Das Drama der dänischen Regisseurin Nanouk Leopold ist der Film, der auf der ersten Pressevorführung zum diesjährigen Festival gezeigt wurde. Der heimliche Eröffnungsfilm der Berlinale, mit dem die 2007 mit einer besonderen Erwähnung der Jury des Caligari Preises bedachten Filmautorin das Forum-Programm beginnt, schwebt zwischen engagiertem Seelenbildnis und langatmiger Ziellosigkeit. 

Ein stiller Film, fast lautlos wie das physikalische Phänomen des Titels. Es bezeichnet das Sichtbarwerden einer plötzlichen entstehenden Bewegung von Partikeln. Willkürlich scheint auch die Entscheidung der gefassten Medizinerin Charlotte (Sandra Hüller), die privat ein ruhiges Familienleben führt, in einem Mietzimmer mit Männern Sex zu haben. Doch die heimlichen Affären sind sorgfältig geplant. Ohne sich dessen bewusst zu sein wählt sie die Männer nach physischen Auffälligkeiten aus. Eine bizarre Passion für Deformierung wohnt in der mit einem attraktiven Partner (Dragan Bakema) lebenden Frau. Unscheinbare Momenten deutet an, wie der diskrete Fetisch in Charlottes Familienleben dringt. Ihrem Sohn liest sie vor dem Einschlafen Grimms „Das Mädchen ohne Hände“ vor, die Geschichte einer Tochter, der ihr eigener Vater die Hände abhackt, die verlassen und verstümmelt durch die Welt wandert und schließlich gemordet werden soll. Eine gespenstische Gute-Nacht-Geschichte, die Charlotte mehr sich selbst vorliest. 

Das zurückgenommene Charakterporträt gibt sich verschwiegen wie die Hauptfigur. Bewusst verzichtet die Regisseurin und Drehbuchautorin auf eine eindeutige Erklärung von Charlottes Verhalten. Der Vater Charlottes kleinen Sohnes spürt, dass seine Frau sich von ihm distanziert. Er will sie halten, kann es jedoch nicht. Charlotte selbst scheint die Entfremdung zu verdrängen. Erst als sie es wörtlich ausspricht wird ihr bewusst, wie fern sie ihrer Familie, ihrem Leben, sich selbst geworden ist. Ihr Verhalten erinnert an das einer multiplen Persönlichkeit. Als ein Liebhaber sie im Alltag anspricht, reagiert sie geschockt, gewalttätig und kommt erst im Krankenhaus wieder zu sich. Die Symptome sind typisch für multiple Persönlichkeiten. Doch Charlotte erinnert sich an ihre Affären und plant sie sorgfältig. In einer Gerichtsverhandlung wird sie nach dem Angriff für berufsuntauglich erklärt. Ob die Protagonistin jedoch psychisch krank oder emotional zwischen zwei Existenzen hin- und her gerissen ist, bleibt im Dunkeln. 

Unterkühlt, fast eisig wirkt die Protagonistin nach Außen. Das in konzentrierten Planszenen gefilmte Charakterporträt studiert die Oberfläche einer tief in sich gekehrten Persönlichkeit, ohne sie je zu durchdringen. Sandra Hüllers subtile Darstellung verleiht dem ambivalenten Werk einen frostigen Glanz. Doch auch ihr nuanciertes Spiel kann eine Figur nicht ausfüllen, die offenbar unergründlich bleiben soll. In klaren, lichten Bildern, begleitet von zarter Musik, fetischisiert der Plot ein psychologisches Phänomen wie die Protagonistin körperliche Normabweichungen. Ein filmische Brown’sche Bewegung: Sie irritiert für einen flüchtigen Moment, dann versinkt sie in Gleichgültigkeit.

  • Beitragsbild © Berlinale
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