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Berlinale ’10: „Road, Movie“ feiert das Wanderkino auf einer allzu naiven Abenteuerfahrt

Berlinale ’10: „Road, Movie“ feiert das Wanderkino auf einer allzu naiven Abenteuerfahrt

Alles andere ist Illusion, verspricht der Werbeslogan des Haar-Tonikums, welches Vishnus Vater vergeblich an die Kunden zu bringen versucht. Statt den Familienbetrieb zu übernehmen kutschiertVishnu (Abhay Deol) lieber einen Van quer durch Indien, um ihn zu verscherbeln. Die Rostlaube entpuppt sich in mehrfacher Weise als eskapistisches Vehikel. Vishnu findet darin ein altes Wanderkino, dank dessen er korrupten Polizisten und der kargen Realität entkommt. 

Nebenbei entdeckt der Hauptcharakter sein Herz für Film und die zusammengewürfelte Truppe, die seinen Weg kreuzt: den jungen Streuner (Mohammed Faisal), den alten Mechaniker Om (Satish Kaushik) und die Nomadin (Tannishtha Chatterjee). Dev Benegals kurzweiliger Kinderfilm verwebt Film- und Fantasiewelt mit einem Hauch harscher Realität des ländlichen Indiens zur Projektionsfläche für Fernweh und Traumreiselust. Darauf ersteht eine in doppelte Odyssee, die Aufgeschlossenheit gegen Engstirnigkeit stellt und Fantasie gegen Fatalismus. 

Die Story ist eine der Metamorphosen, mal kurios, mal kitschig, mal klamaukig. Ein klappriger Bus wird zu einem Kino, die Einöde zum Vorführraum, eine Zweckgemeinschaft zur Wahlfamilie, die Landstraße ihr Zuhause. Bedeutender als die sichtbaren Wandlungen von Szenerie und Requisiten sind natürlich die inneren der Charaktere. Die größte Veränderungen erlebt erwartungsgemäß Vishnu, dessen Erlebnisse ein spätes Coming-of-Age markieren. Um seinem Leben Antrieb zu geben, muss er wortwörtlich das Steuer in die Hand nehmen. Der Zielort ist dabei sekundär. 

In Benegals Filmkosmos ist Stillstand gleichbedeutend mit Stagnation. Landschaftliche Weite wird zum Synonym für die unzähligen Richtungen, die dem Protagonisten offen stehen. Mehr als für seine Charaktere schwärmt der zwischen Nostalgie und Optimismus ins Blau(äugig)e fahrende Plot indes für das untergehende Metier des Wanderkinos. Dessen Zurücklassen auf der Straße der Zeit ist einer der schmerzlichen Trennungen, die zum Nomadenleben gehören. Das melancholische Ende führt die Reise dorthin, wo sie ihren Anfang nahm: im Alltag. 

Doch in deren Gefängnis liegt nun der Schlüssel zur Flucht. Dass auch die naive Erzählung nur eine Portion Eskapismus ist, macht ihn umso kostbarer aus Sicht des Regisseurs, der die emotionale Wahrhaftigkeit des Erträumten und Erfundenen beschwört. Der Filmtraum ist wirklich – alles andere ist Illusion. Zumindest für die Privilegierten, die sich ein Ausblenden der Wirklichkeit leisten können. Oder sich wie die allzu euphemistische Inszenierung zu sehr daran gewöhnt haben, um den Unterscheid zwischen Romantisierung und Realität zu erfassen.

  • OT: Road, Movie
  • Regie: Dev Benegal
  • Drehbuch: Dev Benegal
  • Produktionsland: USA, Indien
  • Jahr: 2009
  • Laufzeit: 95 min.
  • Cast: Mohammed Faizal, Abhay Deol, Satish Kaushik, Tannishtha Chatterjee, Virendra Saxena,Yashpal Sharma, Suhita Thatte, Roshan Tanja, Amitabh Srivastava, Saradha Shrivastav, Hardik Mehta
  • Beitragsbild © Berlinale
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