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Berlinale ’09: So Yong Kim’s „Treeless Mountain“ is a tender place of despair

Berlinale ’09: So Yong Kim’s „Treeless Mountain“ is a tender place of despair

Bald wird die Mutter von Jin und Bin zurückkehren. Die Wiedersehensfreude wird doppelt sein, weil die 7-jährige Jin (Hee Yeon Kim) und ihre zwei Jahre jüngere Schwester (Song Hee Kim) dann endlich ihren Vater treffen. Die Vorstellung der jungen Protagonistinnen von So Yong Kims poetischer Coming-of-Age-Story von den Unzulänglichkeiten der Erwachsenenwelt ist nur vage, doch die Regisseurin lässt sie in ihrem filigranen Drama ungeschönt deutlich werden. 

Wenn die rote Spardose voll ist, verspricht die Mutter (Soo Ah Lee) Jin, dann wird sie wiederkommen. Bis dahin müssen sie und Bin bei der trinkenden Tante (Mi Hyang Kim) bleiben. Beide haben wenigstens noch die Grashüpfer, die man rösten und verkaufen kann, und die Sparbüchse füllt sich schneller, wenn man eine große Münze gegen viele kleine eintauscht. Auf ihre Mutter warten sie vergeblich, in der engen Stadtwohnung und an der Bushaltestelle, an der sie ihr Glück versuchen. Das hat die Mädchen längst verlassen, wie eine Bezugsperson auch der anderen.

Bereits in ihrem Debüt In Between Days erzählte So Yong Kim in melancholischen Szenen vom Erwachsenwerden. Ihre visuelle Sprache hat die unaufdringliche Bildzeugin kindlicher Auffassungsgabe in ihrem Berlinale-Beitrag weiter verfeinert. Der Vater hat die Kinder der Mutter überlassen, die der Anforderung kaum gewachsen ist. Deshalb geht sie auf eine Reise, bei deren Antritt die älteren Zuschauer ahnen, dass sie endgültige Abkehr ist. Die Fürsorge überlässt sie der Schwägerin, die mit Kinderversorgung noch weniger klar kommt. Dafür hat sie eigene Fluchten in gewohnheitsmäßige Trunkenheit. 

So landen die Nichten auf dem Land bei den Großeltern, die so alt und arm sind, dass ihre Obhut ebenfalls nicht dauerhaft sein kann. Die ihre Umwelt mit wachen Augen beobachtenden Schwestern erleben deren Unbeständigkeit auf zweifache Weise. Die Versprechungen der Erwachsenen sind leer wie die Busse, die Bin und ihre große Schwester an der Haltestelle in der Hoffnung abwarten. Dass die Kinder in dieser Situation die versorgende Rolle übernehmen, zuerst als symbolische Essengeber beim Verkauf gerösteter Grashüpfern an andere Kinder, dann sogar in finanzieller Hinsicht, wenn sie der Großmutter das Geld aus der Sparbüchse schenken, scheint paradox. 

Darunter jedoch liegt die bittere Konsequenz kindlichen Handelns, getrieben von trotzigem Mut. In allem, worin die Größeren um sie herum scheitern, hat Jin Erfolg. Sie kümmert sich unerschöpflich um ihre Schwester, sie bewahrt die durch die Spardose symbolisierte materielle Grundlage und beweist die sozialen Kompetenzen, die der alkoholkranken Tante fehlen, in ihrem Beharren auf die Rückkehr der Mutter die Beständigkeit, die nichts um sie herum hat. Nicht einmal die Natur, die ihre letzte Zuflucht bedroht. Doch soweit enthüllt das anrührende Kindheitsporträt die Zukunft nicht. Stattdessen schenkt es seinen jungen Heldinnen einen Moment unbeschwerter Freude, deren Dauerhaftigkeit so trügerisch ist wie die grausame und zärtliche Umwelt. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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