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Agnieszka Hollands „In Darkness“ zeigt die finstere Realität des Überlebens

Agnieszka Hollands „In Darkness“ zeigt die finstere Realität des Überlebens

Mit lausigen Diebstählen hat Kanalarbeiter Leopold Socha (Robert Wieckiewcz) seine Frau Wanda (Kinga Preis) und die kleine Tochter bisher durchgebracht. Das ändert ein lukrativer Handel mit Ignacy Chiger (Herbert Knaup). Das Jahr ist 1943, Polen besetzt und der Handlungsschauplatz Lvov nur irgendein kleiner Ort. Dort findet Agnieszka Holland die wahre Geschichte, deren Unbekanntheit der vieldeutige Titel umschreibt. 

Das Jahr 2009 hat wieder eine Reihe neuer Holocaust-Geschichten in Büchern und Filmen hervorgebracht“, kommentierte die Regisseurin. Stoff für Adaptionen des Holocaust-Trend, den Filme wie Sarahs Schlüssel und Die verlorene Zeit fortsetzen. Die wichtigsten Fragen seien dennoch nicht beantwortet: „Wo war der Mensch in dieser Krise? Und wo war Gott?“ Das differenzierte Historiendrama gibt darauf direkte dialogische Antworten: „Gott ist nicht da“, hallt es in den Abwasser-Katakomben, die Chiger, dessen Frau Paulina (Maria Schrader), Mundek (Benno Fürmann) und dem Rest der geflohener Juden zur letzten Zuflucht werden. SS-Soldaten suchen sogar in der Kanalisation, wo die kleine Gruppe ohne Hilfe verrecken würden. 

Im Dreckwassern treiben Leichen. Nur etwas Erde trennt die zusammengepferchten Menschen vom gleichen Schicksal. Dem Titel wird Hollands effektiv Symbolismus und Realismus verwebende Inszenierung kongenial gerecht. Ein kalter Film, nass, schmutzig, gespenstisch wie der Schauplatz. Das Geschehen kauert in erstickender Finsternis, die das Kameraauge nie durchdringt. Der Abstieg in die Tiefe spiegelt humanen Verfall, der an keinem Protagonisten spurlos vorüber geht. Zuerst motiviert den ambivalenten Hauptcharakter schnöder Opportunismus, bis ihn die eigene Courage überrumpelt. Rechtschaffenheit begreift das intelligente Kriegsdrama als brüchiges Konstrukt, das sich in Extremsituationen hämisch entzieht. 

Das infernalische Dunkel beständiger Todesangst punktiert Holland mit fragilen Momenten der Zärtlichkeit und Hoffnung. Trotz der fordernden Länge hält ihre Adaption von Robert Marshalls Buchvorlage bis zur letzten Szene beklemmende Spannung. Die Unsicherheit der Figuren ist eine doppelte: physisch und moralisch. Verzweifelt ist ihre Lage und voller Zweifel sind sie, gegenüber ihren Nächsten und eigenen Entscheidungen. In jener endlosen Nacht gibt es keine Helden und Heiligen, nur Menschen. In Zeiten, in denen Unmenschlichkeit triumphiert, ist schon dieses Bisschen unendlich viel. 

  • OT: In Darkness
  • Regie: Agnieszka Holland
  • Drehbuch: Robert Marshall, David F. Shamoon
  • Produktionsland: Polen, Deutschland
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 138 min.
  • Cast: Robert Wieckiewicz, Benno Fürmann, Agnieszka Grochowska, Maria Schrader, Herbert Knaup, Marcin Bosak, Krzysztof Skonieczny, Milla Bankowicz, Oliwer Stanczak, Kinga Preis, Weronika Rosati, Alexandre Levit, Frank-Michael Köbe, Joachim Paul Assböck, Maja Bohosiewicz
  • Kinostart: 09.02.2012
  • Beitragsbild © NFP marketing + distribution
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