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„Diese filmischen Möglichkeiten, den Zuschauer von seinem Platz zu befreien, ist eine Bereicherung“ – Interview mit Michael Beyer

„Diese filmischen Möglichkeiten, den Zuschauer von seinem Platz zu befreien, ist eine Bereicherung“ – Interview mit Michael Beyer

Interview mit Michael Beyer zu Berliner Philharmoniker in Singapur: A Musical Journey in 3D.

Was brachte Sie als Musikregisseur auf die Idee zu einem 3D-Projekt?

Bernd Helthaler fragte, ob ich Lust hätte, ein Konzert in 3D zu machen, was ich als große Herausforderung empfand und gerne gemacht habe.

Wie gingen Sie an das Format heran?

Ich habe mich über die Technik informiert, mit Kameraleuten und Regisseuren gesprochen. Mir ist klar geworden, dass man 3D bisher reduziert gesehen hat. Das ist etwas, das noch nicht ausgereizt ist. Was wir über 3D gelernt haben war: 3D ist nicht nur für Effekte da, sondern eine neue Art Bilder zu sehen.

So verändert sich auch die Perspektive zum Konzert. Statt auf einem Platz sitzt man mitten drin.

Diese filmischen Möglichkeiten, den Zuschauer von seinem Platz zu befreien, ist eine Bereicherung. Vielleicht gerade für Leute, die nicht soviel Klassik-Erfahrung haben.

Sehen Sie den Film als revolutionär?

Die Erschließung eines neuen Ausdrucksmittels ist immer eine Bereicherung. So hab ich das erlebt, so haben die Musiker es erlebt, so hoffe ich, dass es bei den Leuten ankommt. Revolution ist vielleicht zu groß. Vielleicht wird es eine – aber es fühlte sich nicht wie eine Revolution an. (lacht)

Wiederholen oder nachdrehen kann man beim Konzertfilm kaum. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir hatten das Glück, dass es zwei Konzerte gab und dadurch die Möglichkeit auszubessern. Es ist ein Zusammenschnitt unterschiedlicher Takes. Aber es gab nie jemanden, der sagte: Stopp, wir brauchen das Saxofon nochmal.

Wie stehen Sie persönlich den Stücken und deren Komponisten gegenüber?

Ich liebe beide Komponisten sehr. Mahler wegen seines großen Weltentwurfs. Er wollte nicht nur ein Stück schreiben, sondern seinen Blick auf Gott, Welt und Natur in die Musik zwingen. Bei Rachmaninoff hat mir der tänzerische Duktus gefallen. Das hat uns geholfen Stadtbilder einzubeziehen und Architektur und Ethnien dieser Stadt ballettmäßig einzubeziehen.

Wie fiel die Entscheidung, sich lokal bei Mahler zu beschränken, bei Rachmaninoff nicht?

Wenn Mahler Vogelstimmen zitiert ist es nicht bloß pittoresk, sondern fast eine Gottesidee. Zu konkrete Bilde hätten geschadet. Rachmaninoff ist abstrakter und flexibler. Die Musik sollte die Hauptrolle spielen. Es geht nicht, dass wir Musik für einen touristischen Film über Singapur zeigen.

Viel es schwer trotz des gewaltigen Konzepts die Bindung zu den Musiker zu halten?

Ich kenne die, die kennen mich. Wir wissen wie wir arbeiten. Anders wäre das auch nicht möglich gewesen: ohne die Hilfe und Professionalität. Wenn das Orchester stur gewesen wäre, hätte das nicht funktioniert.

Gab es Schüchternheit vor der Kamera, bei Musikern oder Publikum?

Für die Leute im Saal war das aufregend. Das Orchester hat viele Fernsehprojekte gemacht, die lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Wie hat Sir Simon Rattle auf seine 3D-Premiere reagiert?

Er ist niemand, der über technischen Dingen steht, im Gegenteil. Simon Rattle ist mit den Augen immer bei seinen Musikern. Was er seinen Musikern gibt an Begeisterung, an Inspiration, das kriegt er auch zurück. Man kann richtige Blickgeschichten erzählen, dadurch, dass er sagt: Ich bin einer von euch. Es wird Dialog und wird Geschichte, selbst, wenn es Musik ist.

Figürlich gesprochen: Wer hat den Taktstock in der Hand, Regisseur oder Dirigent?

Er agiert, ich reagiere. Für mich ist die Kunst, dass ich trotzdem die Freiheit der Gestaltung habe. Der Rhythmus wird vom Tempo des Dirigenten bestimmt.

Wie groß ist der Faktor Spontanität?

Das hat eine extreme Einwirkung. Vor der Aufzeichnung sind wir in Singapur gewesen und haben nicht nur Locations für die Stadtdrehs gesucht, sondern sind in der Halle gewesen. Diese Vorbereitung ist das A und O.

Verändert 3D das Hören?

Interessante Frage. Muss es irgendwie. Ich habe es intensiver erlebt. Mir ist etwas unwohl, wenn ich vom Hören und Sehen spreche, denn einerseits komme ich von den Bildern, andererseits geht es mir um die Musik. Warum mache ich denn überhaupt Bilder? Ich glaube, dass es eine Form von Erleben gibt, wo der Zuschauer gar nicht mehr weiß, ob er mehr hört oder sieht, dass er einfach reingezogen wird in das Konzert. Ich habe das Gefühl, dass die 3D-Technik dieses Erleben um ein paar Intensitätsstufen höher schrauben kann.

War der Balanceakt zwischen Konzertantem und 3D schwierig?

Dadurch, dass wir nur die Hälfte der Einstellungen haben, die eine normale Fassung der Mahler-Symphonie hätte, sind wir der Gefahr eines visuellen Overkill entgangen.

Hat es Ihnen Lust gemacht, vielleicht einen reinen Handlungsfilm zu drehen?

Absolut! Es gab fast einmal einen Kinderfilm, den ich gemacht hätte. Das ist dann finanziell gescheiter, aber die Vorbereitung hat mir Lust auf rein narrative Geschichten gemacht.

Haben Sie schon etwas in der Schublade?

Ein historisches Thema über eine Malerin in Paris. Das könnte momentan passieren – demnächst.

Beitragsbild © NFP