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Gender-Stereotypen, Sex-Panik, Schundsongs & Schwesternstreit: „Hanni & Nanni 3“ ist da

Gender-Stereotypen, Sex-Panik, Schundsongs & Schwesternstreit: „Hanni & Nanni 3“ ist da

Wie oft denn noch?“ Die Frage stellt Mademoiselle Bertoux (Katharina Thalbach) im letzten der Out-Takes während des Abspanns. Dagmar Seumes Fortsetzung der auf Enid Blytons gleichnamiger Kinderbuchreihe basierenden Kinoserie ist da bereits überstanden. Was die nach Jahrzehnten im Hanni & Nanni-Kosmos noch immer nicht akzentfrei sprechende Französischlehrerin Mademoiselle Bertoux rätseln lässt, beschäftigt auch das Publikum: Wie oft denn noch muss man die eineiigen Zwillinge Hanni (Jana Münster) und Nanni (Sophia Münster) im aggressiv-fröhlichen Mädcheninternat Lindenhof beim Kichern und Kreischen ertragen? 

Die Frage ließe sich an die Produzenten der Trilogie weitertragen, mit der Bitte aus den Kasseneinnahmen der vorigen Teile, die rund zwei Millionen Zuschauer anlockten, Abfindungen an Kinobegleitpersonen kindlicher Fans auszuzahlen. Selbstredend ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Filmemacher setzen auf Gewinnmaximierung. Gespart wurde nicht nur am intellektuellen Gehalt der Story, sondern an Statisten, Requisiten, realistischen Sets und offenbar sogar am Papier für das dünne Drehbuch. Der Konkurrenzkampf der Zwillinge untereinander und mit Erzfeindin Daniela (Nele Guderian) wegen einer Schulaufführung von Romeo und Julia und der mit Teacher Mr. Gordons (Justus von Dohnányi) aus England angereisten Jungenklasse endet nach bewährtem Muster: mit Kollektivversöhnung und einem Song, der die „eigenen Ideen“ der von Koedukation aufgewühlten Theatertruppe zu feiern vorgibt. 

Tatsächlich tut die „coole Dance-Nummer“, die Cousine Lilly (Louisa Spaniel) aus Shakespeare macht, das Gegenteil. Eine von den in Neon-Tanktops gekleideten Kindern aufgeführt Choreografie von Detlef D! Soost, dessen D!´s Kids Club und Start to Dance-DVD Film und Pressematerial penetrant bewerben, wirkt angepasster und konventioneller als die elisabethanische Probeinszenierung Mademoiselle Bertouxs. „Peinlich ist es nur, wenn man es nicht kann“, erklärt sie und verrät, dass im heutigen Lindenhof Intoleranz und Borniertheit regieren wie bei Blyton. Ganz in Blytons Sinne wäre die Prüderie, die das Wort „geknutscht“ so skandalös klingen lässt, dass man sich fragt: Ist jetzt eines der Mädchen schwanger? Keine Panik, die Zwillinge und ihr Schwarm Clyde (Leopold Klieeisen) dürfen nichtmal Händchen halten, genauso wenig wie Direktorin Frau Theobald (Hannelore Elsner) und deren alter Verehrer (Konstantin Wecker), der auf dem Dachboden herumgeistert. Dafür gibt es während der Schauspielproben, von denen nebenbei die jungen Filmdarsteller mehr benötigt hätten, einen Kuss zwischen Mademoiselle Bertoux und Nanni. 

Mädchen, die Mädchen küssen? Igittigitt, finden die Zwillinge und die Filmemacher, die zur Beruhigung aller erzkonservativen Eltern Frau Mägerlein (Suzanne von Borsody) verkünden lassen: „Grenzüberschreitungen werden auf das Härteste bestraft!“ Dem sturen Moralbegriff der Vorlage bleibt die deformierte statt modernisierte Adaption treu wie dem obsoleten Rollenbild. Die wahlweise als „frech“, „schüchtern“, „quirlig“ oder „zickig“ herausgeputzten Schülerinnen leben in einer didaktischen Genderwelt aus rosa Glitzer-Schminke, Verkleiden und Eifersüchteleien. Letzte bedrohen angesichts der Romeos in Brit-Chic-Schuluniformen die Schwesternliebe der Zwillinge. „Am Ende wissen sie aber, was wirklich zählt im Leben“, versichert das Presseheft, das den trotz Inhaltsarmut überhastet wirkenden Klischeekatalog schier zum Lehrfilm erhebt. „Die Abenteuer der Mädchen sind sehr unterhaltsam, gleichzeitig spiegeln sie auch die Grundsätze des gesellschaftlichen Umgangs wider: Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Loyalität und Solidarität werden in Lindenhof täglich vorgelebt. 

Daniela übernimmt Verantwortung für ihr Untalent und verzichtet auf die Rolle der Julia, Frau Theobald steht loyal zu ihrem abgebrannten Jugendschatz und engagiert ihn als Chefkoch. Vorweg feuert Schulköchin Daphne Diehl (Barbara Schöneberger) solidarisch ihr unfähiges ausländisches Küchenpersonal. So freuen sich zur Abschlussfeier alle über Götterspeise und belegte Brötchen. Billige altbackene Standardkreationen funktionieren einfach immer, ob Junk Food, Junk Novels oder Junk Film. Manchen schmeckt es, andere finden es zum Kotzen.

  • OT: Hanni & Nannin 3
  • Regie: Dagmar Seume
  • Drehbuch: Christoph Silber, Enid Blyton
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 87 min.
  • Cast: Jana Münster, Sophia Münster, Justus von Dohnányi, Hannelore Elsner, Suzanne von Borsody, Katharina Thalbach, Barbara Schöneberger, Konstantin Wecker
  • Kinostart: 09.05.2013
  • Beitragsbild © Universal
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