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Große Haie, kleine Fische: Berlinale Kritik zu „Patrimonio“

Große Haie, kleine Fische: Berlinale Kritik zu „Patrimonio“

Einst war es ein verstecktes Idyll: Todos Santos, eine kleine Fischergemeinde im mexikanischen Baja California Sur zwischen Wüstensand und Pazifikküste. Deren einziger geschützter Strand ist Punta Lobos, von wo seit Jahrhunderten die Einwohner mit kleinen Kuttern in See stechen. Ein malerischer Flecken, wie aus einem Werbespot für eine Feriensiedlung. Der Spot ist der hier und er lässt den Ort sogar sogar noch anziehender erscheinen. A free ranged locally surced life. Live harmoniously, exuberantly, more easily here.“ Mit dem Überschwang, der lokalen Selbstversorgung und dem einfacheren Leben ist es vorbei dank des Unternehmens, das den Spot in Auftrag gegeben hat. Tres Santos ist ein Projekt von Mira Companies, einer Tochtergesellschaft der US-ansäßigen Black Creek Group. Harmonie ist nicht gerade deren starke Seite.

Dafür hat das Multimillionen-Dollar-Business andere Stärken wie Fälschen von Dokumenten, selbst autorisierte Polizeitrupps und schier unerschöpfliche finanzielle Ressourcen. Die kommen gelegen, wenn ein Haufen Ortseinwohner die Straße blockieren, auf der die Arbeitsfahrzeuge zu dem gigantischen Bauprojekt durchfahren müssen. Jede der Streitparteien sagt, die andere habe angefangen. Recht haben beide. Die Fischer haben vor Generationen angefangen, von Punta Lobos aus zu fischen und das empfindliche Ökosystem dabei zu bewahren. Tres Santos hat angefangen, zu bauen. Die Mangroven, die den Strand vor Erosion schützen, wurden plattgemacht, das Flussbett zugeschüttet, ein Damm errichtet und ein Boutique Hotel. Den Fischerfamilien dreht Tres Santos in doppelter Hinsicht den Hahn ab: Sie nehmen ihnen mit dem Strandzugang die Lebensgrundlage und zapfen ihnen das bereits knappe Grundwasser ab.

Angeblich hat das Unternehmen Genehmigungen, nur zeigen will es die nicht. Stattdessen lassen sie Anwalt und Umweltaktivist John Moreno, der die Fischer vor Gericht vertritt, verhaften. Soviel zu „free range“. Sie kämpften gegen Riesen, beschreibt einer der Fischer den ungleichen Kampf, den Lisa F. Jackson und Sarah Teale in ihrem eindringlichen Dokumentarfilm begleiten. Die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit wird zum Rückhalt der Gemeinde, die ihren Lebensraum mit verzweifelt verteidigt. Doch das Unternehmen hat selbst das Netz nach korrupten Lokalpolitikern ausgeworfen. Der Konflikt bleibt über das Ende des Films hinaus dramatisch: Zeugnis einer Auseinandersetzung, die trotz des optimistischen Ausblicks nicht gewonnen ist. Das Ressort steht, das Küstengebiet ist geschädigt – wenn es sich nicht erholt, haben alle verloren: Fischer, Natur und der Hotelbetrieb.

Die Frage nach den Rechten und Möglichkeiten unterrepräsentierter Gemeinschaft gegenüber einflussreichen Großunternehmern zu beantworten, liegt außerhalb der Macht der Regisseurinnen. Sie leisten dafür ihren Beitrag, um den mutigen Widerstand einer kleinen Fischergemeinde gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage zu unterstützen. Aus unmittelbarer Nähe zeigt ihre prägnante Reportage Korruption und skrupellose Gier hinter einer sauberen Öko-Fassade, aber auch Integrität und instinktiven Respekt für die Umwelt in ein paar verblichenen Fischerkähnen.

  • OT: Patrimonio
  • Regie: Lisa F. Jackson, Sarah Teale
  • Drehbuch: Lisa F. Jackson, Sarah Teale
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 83 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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