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Die übelsten Fehler von „Polisse“ sind nicht die grammatikalischen des Filmtitels

Die übelsten Fehler von „Polisse“ sind nicht die grammatikalischen des Filmtitels

Polizei, Handschellen, Gefängnis. So ist das im Leben. Jedenfalls in der reißerischen Kolportage, die Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Maïwenn aus ihrer Schnupperzeit bei der Pariser Sondereinheit konstruiert. Nadine (Karin Viard) und ihre Kollegen befassen sich mit Jugendschutzdelikten: Missbrauch, Misshandlungen, Vernachlässigung von Minderjährigen. Ein Job, der die Männer und Frauen täglich an ihre Grenzen bringt. Maïwenn hat es aus nächster Nähe erlebt und daraus eine Werbetrommel gebastelt. Einen authentischen Film hingegen nicht. Trotzdem befindet sie ihren Einsatz für ungemein wichtig, sodass sie sich auf der Leinwand in der Rolle der Fotografin Melissa als Mitglied der Einheit inszeniert. In Cannes gab es für dafür den Preis der Jury – wohl weniger für die Inszenierung als deren Ambitionen.

Ungeachtet der Tragik der dramatisierten realen Fälle will Polisse ein Unterhaltungsfilm sein. Trotz der niederschmetternden Thematik sollen die hektischen Abrisse Krimi-Spaß, Lacher und Romantik erzeugen. Ethisch und inszenatorisch ist das gleichermaßen abgeschmackt. Die rudimentäre Handlung verkettet Fragmente aus Berufsalltag und Privatleben von Polizisten, Tätern und Opfern. Von der rumänischen Taschendiebesbande geht es zur Babyentführung. Ein einflussreicher Pädophiler bleibt straflos, während eine obdachlose Mutter ihren Sohn an die Fürsorge verliert. Eine Verwarnung, ein verpatzter Einsatz, eine Scheidung, eine neue Partnerschaft und schließlich springt jemand aus dem Fenster. Danach ist einem auch als ZuschauerIn zumute, denn die Realität hinter dem zerfahrenen Kriminaldrama ist zu abgründig, um sie mit Seifenoper-Sentimentalität und Vorabendserien-Konflikten zu verquirlen.

Die Protagonisten sind grobschlächtige Karikaturen, für die Aggressionen, Beziehungskonflikte, Alkoholismus, Aussetzer und obszöne Sprache zum Operationsmodus gehören. „Wir finden nichts vulgär oder eklig“, sagt Chrys (Karole Rocher). Dafür finden die Figuren und die Regisseurin vieles komisch. „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, über schreckliche Dinge lachen zu können“, sagt Maiwenn im Interview. Das Resultat ist ein auf emotionale Abstumpfung ausgerichteter Mix aus Melodramatik und kruden Gags, dessen Macherin ihrem alter ego Melissa eine Liaison mit dem Kollegen Fred (Rapper JoeyStarr) gönnt. Kommt zu derartigen öden Kapriolen die krude Machart einer Betriebskomödie, ist selbst das naturalistische Spiel des übrigen Ensembles machtlos gegen die Unglaubwürdigkeit. Der Ehrgeiz des Filmexperiments ist augenscheinlich rein kommerziell.

  • OT: Polisse
  • Regie: Maiwenn
  • Drehbuch: Maiwenn, Emanuelle Bercot
  • Produktionsland: Frankreich
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 127 min.
  • Cast: Karin Viard, JoeyStarr, Marina Fois, Maiwenn, Karole Rocher, Nicholas Duvauchelle, Jeremie Elkain, Arnaud Henriet, Frederic Pierrot, Naidra Ayadi, Sandrine Kiberlain, Anthony Delon
  • Kinostart: 27.10.2011
  • Beitragsbild © Wild Bunch Germany