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Fremde Freundinnen: Berlinale Kritik zu „Yuki & Nina“

Fremde Freundinnen: Berlinale Kritik zu „Yuki & Nina“

Zu Hause ist, wo das Herz. Das von Yuki (Noe Sampy) ist hier, bei  Nina ( Arielle Moutel). Ein Herz und eine Seele sind die beiden Grundschülerinnen. So war es auch einmal bei Yukis Eltern. Nun streiten sie nur noch und selbst ein Brief, den Yuki im Namen der Liebesfee verfasst, kann ihre Mutter und den Vater nicht versöhnen. In das Heimatland ihrer japanischen Mutter soll Yuki plötzlich auf die Reise gehen. Nicht für ein paar Wochen, sondern für immer. Für immer Freundinnen zu sein haben auch die Mädchen einander versprochen. Sind Erwachsenenschwüre so brüchig, müssen Kinderschwüre dafür ewig halte. Die große Reise will Yuki nicht antreten und begibt sich dennoch auf eine noch viel unheimlichere Reise, tief in den dunklen Wald ihrer Vorstellungskraft. 

In Yuki und Nina schlagen Nobuhiro Suwa und Hippolyte Girardot die Brücke zwischen dem Fluss des Unterbewusstseins und dem Lebensfluss. Der japanische Regisseur und sein französischer Kollege erzählen in ihrem sensiblen Kinderfilm von Trennungsangst, Distanz und dem aufregenden Neuen, das in der Fremde warten. Frei von spektakulären Ereignissen und Melodramatik erzählt der einfühlsame Familienfilm seine Geschichte. Doch der unaufdringliche Blick auf die kindliche Welt genügt vollkommen, ist er so ruhig und bedachtsam wie der des Regie-Duos. Yuki und Nina vertraut ganz auf die bildliche Deutungsgabe von Kindern. Trotz seiner Zurückhaltung bezaubert er nicht nur inhaltlich, sondern visuell. Von der Realität gleitet die Szenerie ins Fantastische, manchmal fast Gespenstische. Doch nicht Düsterkeit oder Schwermut beherrschen das Filmmärchen. Geschickt verflechten Suwa und Girardot Elemente der westlichen und östlichen Märchenwelt. Auf der Flucht vor der Veränderungen versteckt sich Yuki in dem dunklen Wald, der um ihren französischen Heimatort liegt. Das Häuschen, das sie dort findet, ist japanisch eingerichtet und bvon einer gastfreundlichen asiatischen Familie bewohnt. Indem sie ein Stück des Alltags jener anderen Kultur kennen lernt verliert Yuki die Furcht davor. 

Beste Freundinnen sind die 9-Jährigen trotz ihres unterschiedlichen Temperaments. Nina ist lebhaft, die stille Yuki eine Träumerin. In sanften, scheinbar beiläufigen Szenen zeigt Yuki und Nina, wie jeder der Freundinnen auf eigene Weise ihre Wesensart zu ihrer Stärke macht. Nina bewahrt sich ihre Fröhlichkeit auch nach der Trennung. Der in sich gekehrten Yuki fällt der Abschied, den sie nicht nur Nina, sondern ihrem Vater und der vertrauten Umgebung nehmen muss, schwerer. Doch auf ihrer Gedankenreise findet sie den richtigen Weg, um mit dem Abschiedsschmerz umzugehen und lernt, dass auch Menschen unterschiedliche Wege gehen müssen. Der von Yukis Mutter führt weit fort in ein anderes Land, nach Japan, ihrer Heimat. Yukis Heimat aber ist bei Nina, ihrem Vater, der Schule, die sie kennt und der Sprache, die sie versteht. Dass es woanders ein neues Zuhause geben kann, mag sie sich zuerst gar nicht vorstellen. 

Die äußerlich gegensätzlichen Emotionen der Eltern und der Mädchen gleichen einander. Für beide ist die Trennung schmerzhaft, beide lernen, daraus zu wachsen. Unterbewusst stellt sich Yuki auch ihrer größten Angst, die sie geistig mit der bevorstehenden Reise verknüpft: der Trennung der Eltern. Auf ihrer Traumreise erkennt sie, dass die Veränderungen sie auch zu Hause einholen würden. Yuki und Nina vermeidet den Konflikt nicht, indem er eine idealisierte neue Lebenssituation für Yuki erschafft, sondern zeigt Loslassen als Teil einer Beziehung. Indirekt lernt Yuki so auch das Verhalten ihrer Eltern zu verstehen. 

Der allegorische Erzählton geht die komplizierte Thematik sanft und humorvoll an, ohne sie zu verwässern. Fantasie und Realität spielen in Yuki und Nina mit dem gleichen berührenden Charme zusammen wie die beiden jungen Hauptdarstellerinnen und kreieren ein magisches und dennoch wahrhaftiges Filmmärchen. 

  • Beitragsbild © Peripher Filmverleih
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