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Berlinale ’14: „Food Chains“ zeigt Armut & Ausbeutung in der Nahrungsmittelindustrie

Berlinale ’14: „Food Chains“ zeigt Armut & Ausbeutung in der Nahrungsmittelindustrie

Immokalee entspricht kaum der Vorstellung eines ländlichen Ortes im sonnigen Florida. Am wenigsten in den von schäbigen Wohncontainern gesäumten Straßen, die Sanjay Rawals Filmteam abläuft. Die Armut der Menschen, von denen oft über ein Dutzend in einem der engen Wellblechverschläge hausen, ist das moderne Pendant des Schauplatzes von Fred W. Friendlys 1960er TV-Reportage Harvest of Shame. Besser ist das Leben kaum für die Menschen hier, zu über 97 Prozent PoC. Die meisten sind Hispanics. Farmarbeiter, die unter den übelsten Bedingungen für den geringsten Lohn schuften. Sie ernten, was in Supermarktregalen, Fast-Food-Auslagen und schließlich den Tellern der Bevölkerung landet.

Die Landarbeiter stehen am untersten Ende der zornigen Doku, deren mehrdeutiger Titel das zynische Paradox der Ausbeutung anspricht. Für einen Erntehelfer beginnt der Tag in der Nacht. Die schläfrigen Kinder werden zur Babysitterin gebracht, dann geht es mit dem Bus raus zu den Feldern. Dort warten Tomaten für Heinz-Ketchup, Gurken für BigMacs und Taco Bell’s Chilis darauf, gepflückt zu werden. Die Busladung Arbeiter_innen wartet ebenfalls, bis ihre Tagschicht anbricht. Unvergütete Zeit, die sie gezwungenermaßen ausharren. Die bezahlte Arbeit beginnt mit dem ersten Eimer. Je mehr Eimer die Frauen und Männer schaffen, desto höher ihr individueller Lohn. Einen festen Stundensatz gibt es nicht. In der brütenden Hitze kriegen die Älteren, Kranken und Schwächeren am wenigsten. Doch selbst das Höchstgehalt reicht gerade für Essen und Unterkunft – wenn überhaupt. Viele Landarbeiter kampieren unter freiem Himmel, um die horrenden Mieten zu sparen: Obdachlose, die 15 Stunden am Tag arbeiten. Ein Krankenversicherung hat praktisch niemand, wenige einen legalen Aufenthaltsstatus. Ihre prekäre Lage macht besonders die Arbeiterinnen zu leichten Opfern von Misshandlung, sexueller Gewalt und Sklaverei. 

Letzte ist kein Relikt der Vergangenheit, sonder Alltag in den US-Gefängnissen und auf den Feldern, die in frühester Zeit von versklavten Ureinwohner und später von schwarzen Sklaven bestellt wurden. „Die Geschichte der Farmarbeit in den USA ist eine Geschichte der Ausbeutung“, sagt Journalist Eric Schlosser, der in seinen Sachbüchern Fast Food Nation und Reefer Madness ökonomische und soziale Mechanismen der Lebensmittelindustrie untersuchte. An der Spitze stehen wenige Supermarktriesen, die kleinere Konkurrenzfirmen sukzessive schlucken. Die Farmer müssen sich von ihnen Dumpingpreise diktieren lassen oder bleiben auf ihrer Ware sitzen. Berge unverkaufter Tomaten verfaulen regelmäßig in der Sonne. Eine Ernte für den Müll. Der weltgrößte Einzelhändler Walmart weigerte sich bis vor kurzem, das Fair Food Programm von Immokalees Arbeitervereinigung CIW zu unterzeichnen. Als sich der Vorstand im Dezember 2013 nach langen Protesten der CIW durchrang, inszenierte die Werbeabteilung es als Wohltätigkeitsakt. Die Kunden fressen die Lüge so bereitwillig wie das billige Obst und Gemüse. Jeder Einkauf festigt die Ketten, welche die Erntearbeiter_innen vergeblich zu sprengen versuchen.

  • Beitragsbild © Berlinale