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History repeats itself: Berlinale Kritik zu „Killing Strangers“

History repeats itself: Berlinale Kritik zu „Killing Strangers“

Geschichte wiederholt sich. Womöglich ist es diese Gewissheit, die Nicolas Pereda und Jacob Secher Schulsinger veranlasst, sich dem Aspekt künstlerischer und ideologischer Geschichtsschreibung mit dem inszenatorischen Mittel zermürbender Wiederholungen zu nähern. Szenen wie aus einem Gaucho-Western in den Bergen Nordmexikos, ein Amateurcasting in einer alten Villa und triste Ansichten einer ausgedienten Western-Kulisse in Hollywood bauen eine spärliche Hinterlassenschaft fiktiver und faktischer Fragmente auf 62 Minuten, die so forciert und schwammig wirken wie der Titel: Killing Strangers.

„In Mexiko werden Rekonstruktion historischer Ereignisse oft als ebenso wichtig wie die Originale angesehen.“, berichten die Regisseure im Autorenkommentar ihrer ganz persönlichen Rekonstruktion der Geschichte ihres Heimatlandes. Aus dessen Vergangenheit wählten sie ein Ereignis, das zu den am stärksten patriotisch vereinnahmten und am häufigsten verklärten zählt: die Revolution. Um sie herum errichten Pereda und Schulsinger eine szenische Inszenierung, die in ihrer Reduktion im krassen Gegensatz steht zu der offiziellen Inszenierung, die sie inspirierte. Als 2010 die Hundertjahrfeier der Revolution mit der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit zusammenfiel, nahm der Staat dies zum Anlass einer Reihe aufwendiger Festivitäten, Paraden und Gedenkveranstaltungen. Zu ihnen zählte die Beauftragung einer Serie von Filmen, die zugleich den historischen Kontext der Kriege, deren nationale Bedeutung und indirekt das Gefühl heldenhafter und einheitlicher Landidentität vermitteln sollte. 

Patriotismus, Revisionismus und Heroismus verzahnen sich zu einer Manipulationsmaschinerie, die originäre Zustände unendlich kopiert. Das Geschichtsbild wird bei dieser Rekonstruktion und der sich in der Zukunft abzeichnenden Rekonstruktion des Rekonstruierten nach Schablonen gestanzt. Wie sie aussehen und warum, wer sie mit welcher Absicht bestimmt, bleibt Spekulation. Die filmische Versuchsanordnung will weder ergründen, noch erklären, sondern erschüttern. Nicht die Betrachter – dazu sind das laienhafte Vorsprechen und die spröden Wüstenbilder zu prosaisch – sondern deren Blick auf vorgegebene Fakten soll irritiert werden. Das gelingt dem Kinoexperiment, allerdings auf ermüdend einseitige Art. Das Improvisieren und Zitieren martialischer Parolen wie „Vaterland oder Tod“, populärer Songtexte und Filminhalte erzeugt statt Verunsicherung nur Überdruss. Hinter der stilisierten Dekonstruktion der Rekonstruktion steckt die von anderen Film- und Bühnenautoren längst erbrachte Enthüllung des Nachstellens als Neuanordnung. 

Es sei Ironie, dass eine Nachbildung als Teil des historischen Landeserbes betrachtet werde, heißt es im Regie-Statement von Pereda und Schulsinger, „nur, weil sie Ähnlichkeit zu einer tatsächlichen historischen Stätte beansprucht.“ Noch ironischer ist es, dass bloßes Rezitieren als originell betrachtet wird, nur weil es originelle Grundsätze vereinnahmt. Gerade diese Metaebenen hat das Duo offenbar übersehen. Ausdrucksarmut und dramaturgische Überforderung durch das eigene Thema macht so den kürzesten Beitrag des diesjährigen Berlinale Forums zum gefühlt längsten. „Je mehr ein Schauspieler versucht, das Publikum zu unterhalten, desto mehr wird das Publikum darauf warten, unterhalten zu werden“, besagt eine vorab eingeblendete Textkarte. In dem stockenden Szenengefüge versucht es keiner und demnach erwartet man schließlich nichts mehr. 

Genau dies scheint die Interpretation, die das Regie-Team von einem zu Beginn zitierten Lehrsatz habt: wenn der Schauspieler aufhöre, sich um das Publikum Gedanken zu machen, würde das Publikum anfangen ihn zu beobachten: „Das geschieht insbesondere, wenn der Schauspieler mit etwas Interessantem beschäftigt ist.“ Das ist in Killing Strangers leider niemand. 

  • Beitragsbild © Berlinale