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Berlinale ’12: Doku „Nuclear Nation“ zeigt Fukushimas Fallout

Berlinale ’12: Doku „Nuclear Nation“ zeigt Fukushimas Fallout

Stille liegt über dem Ozean und zieht über die Dünen. Geisterhaft ruht der Ort, von dessen Küste aus Atsushi Funahashis aufwühlendes Filmdokument aufs Meer blickt, und dennoch ist es ein Sehnsuchtsort. Die Sehnsucht der Protagonisten richtet sich auf eine ihnen in einem doppelten Willkürakt entrissene Vergangenheit. Die Stadt im Rücken des Regisseurs ist eine Geisterstadt. In ihrem Schatten nimmt ein noch bedrückenderes Gespenst Gestalt an, für das erst das Schlussbild einen Namen findet: Nuclear Nation. 

Ein stummer Frühling ist über den metaphysischen Titelort hereingebrochen. „Wir unterstützen Fukushima! Wir unterstützen Futaba!“, bekräftigt ein Schild vor einem Schulgebäude 250 Kilometer vor dem Ort, der am 11. März 2011 von einem Erdbeben Stärke 9 erschüttert wurde. Der Tsunami, der alles dazwischen fortriss, hat Futaba nicht ausgelöscht. Es war die Explosion im Kernkraftwerk am Folgetag. 1400 der Einwohner wurden evakuiert, mit dem Bürgermeister und der Stadtverwaltung. „Schicksal“, sagt einer der Evakuierten. „Wir haben hart gearbeitet, ein Haus gebaut und alles ist verschwunden.“ Die beklemmende Exposition einer Katastrophe studiert den schmerzlichen Prozess der Erkenntnis unwiederbringlichen Verlusts. Verursacht hat ihn nicht die Natur; es waren die Betreiber des TEPCO Kraftwerks. 

Eine strahlende Zukunft für den Geburtsort der Kernenergie!

Ihr habt Priorität. Wir handeln auf der Stelle“, zitiert der Bürgermeister in einer Ansprache die Firmenleitung, welche die Rückkehr-Erlaubnis unablässig aufschiebt. „Es könnte Überlebende gegeben haben“, glaubt ein Überlebender. Aber Suchtrupps wurden nicht durchgelassen in die Einöde aus verlassenen Gebäuden und Schutt. Förderung mit „Nuklear-Geldern“ brachte den Aufschwung, erinnert sich der Bürgermeister. Infrastruktur wurde ausgebaut, der Reisanbau maschinisiert, ohne dass es zu Arbeitslosigkeit kam. Es gab neue Jobs im Kernkraftwerk. TEPCO versprach Investitionen von 52 Millionen, wenn die Stadtverwaltung den Neubau zweier Reaktoren genehmigte. „Eine strahlende Zukunft für den Geburtsort der Kernenergie“ verkündet ein Werbespruch am Torbogen Futabas, in das Evakuierte in Schutzanzügen zu einem kurzen Gedenken zurückkehren dürfen. 

Der kleine Ortsfriedhof erstreckt sich nun bis zu den Grenzen der Zone, deren gespenstische Szenerie die Protagonisten durchwandern. Gehäuse von Bussen, ein von der Welle gleich Spielzeug zwischen sie gespültes Boot und mumifizierte Rinderkadaver im Fallout des Karftwerk-Kadavers. Es ist das stärkste der nach Jahreszeiten benannten Kapitel des Dreiakters, dessen gefasste Aufnahmen wortlose Anklage sind. Auf einem Grabstein liegt ein Geigerzähler. Das Gebet der Angehörigen davor scheint sowohl dem von der Radioaktivität gebrachten Tod als auch dessen Taktmesser zu dienen. Der nukleare Alptraum ist nicht vorüber. Weil andere ihn weiter träumen. Ein Nachrichtensprecher berichtet in einer beiläufigen Szene: „Deutschland zieht Kernenergie in Erwägung.

  • OT: Futaba kara tooku hanarete / Nyukuria Neisyon
  • Regie: Atsushi Funahashi
  • Drehbuch: Atsushi Funahashi
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 146
  • Beitragsbild © Berlinale