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Berlinale ’18: Hong Sangsoo beobachtet Alltagsepisoden in „Grass“

Berlinale ’18: Hong Sangsoo beobachtet Alltagsepisoden in „Grass“

Was haben Liebe und Tod gemeinsam mit Kim Minhee und Soju? Die Antwort: Alle sind reguläre Gäste in den Filmen Hong Sangsoos. Der koreanische Regisseur gibt sich in seiner flüchtigen filmischen Skizze als zufälliger Beobachter. Eine Rolle, die er auf der Leinwand an die lakonische Schlüsselfigur seiner schwarz-weißen Humoreske weitergibt. Die junge Frau (Kim Minhee) ist eine der Gäste des Cafés, das zum Fixpunkt der improvisatorisch anmutenden Gespräche wird. Über den Rand ihres Laptops mustert sie gedankenverloren die Paare, die hier ihre diversen Problemchen ausbreiten oder einander in traditionellen Gewändern aus einem benachbarten Kostümverleih fotografieren. Kummer und Unbeschwertheit kommen nicht selten Hand in Hand, genau wie die Gäste.

Eine Handlung im eigentlichen Sinne existiert nicht in der beiläufigen Verknüpfung einer Handvoll Figuren und deren Beziehungen. Letzte befinden sich stets an einer anderen Station auf dem vom Schicksal vorgezeichneten Weg vom ersten Kennenlernen zur Trennung. Am Ende steht die völlige Loslösung, nicht nur der Partner voneinander, sondern des Ichs aus der Welt. Wenn die Diskussions- oder Lebensgemeinschaften ihre Existenzen hinterfragen oder eine Flasche Soju kreisen lassen, sitzt der Tod mit am Tisch. Ein diskreter Zuschauer gleich der jungen Frau, deren Verhältnis zu den übrigen Figuren so ambivalent ist wie das des Regisseurs. Er bedenkt alle der Besucher mit sanftem Spott und macht bei sich selbst keine Ausnahme.

Immer verwende er das gleiche Material, klagt ein Drehbuchautor seine Unfähigkeit zur kreativen Weiterentwicklung. Was er brauche sei etwas, das ihn inspiriere. Jemanden, den er beobachten könne. Jemanden wie die junge Frau. Sie erteilt dem suspekten Angebot eine Abfuhr. Dabei spiegelt ihre eigene Position gegenüber den Gästen, die das Café und damit den Filmrahmen betreten und wieder verlassen, die jenes Fremden. Genau wie er klebt Sangsoo an den selben Motiven. Heimlich schleichen sie sich in die betont unverfänglich angesetzten Unterhaltungen, denen die musikalische Kulisse aus Stücken von Schubert und Wagner eine ironische Melodramatik verleiht. Dazu ein Glas Soju an einem Herbstabend – was gibt es Schöneres?

Hong Sangsoo kehrt 21 Jahre, nachdem er im Berlinale Forum sein Regiedebüt vorstellte, zurück mit einer von leisem Humor getragenem Geflecht wechselhafter Alltagsvignetten. Zu banal, um zu fesseln, doch kurzweilig genug für die überschaubare Laufzeit, ist die Gesamtheit der Episoden ein ähnlich formloser Versuch wie das Werk der undurchsichtigen Schlüsselfigur: „Eine Art Tagebuch, aber kein Tagebuch. Es ist vorerst etwas Ungewöhnliches.“

  • OT: Pul-lip-deul
  • Regie: Hong Sangsoo
  • Drehbuch: Hong Sangsoo
  • Produktionsland: Republik Korea
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 66 min.
  • Cast: Kim Minhee, Jung Jinyoung, Ki Joobong
  • Beitragsbild © Berlinale
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