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Berlinale ’20 Panorama: „Pari“ has repressed Iranian mother looking for son & finding her strength

Berlinale ’20 Panorama: „Pari“ has repressed Iranian mother looking for son & finding her strength

Weder die unbeirrbare Titelheldin Siamak Etemadis Spielfilmdebüts noch das Publikum finden in dem allegorischen Doppelporträt einer Frau und einer Gesellschaft in Aufruhr, was Ihnen in Aussicht gestellt wird. Dafür bietet die symbolisch aufgeladene Spurensuche der traditionalistisch geprägten Iranerin Pari (eindringlich: Melika Foroutan) beiden etwas anderes, auf das sie sich einlassen müssen: einen Ausblick in eine fremde Welt voller ungeahnter Abgründe und Optionen. Zwischen denen kann sich der Regisseur und Drehbuchautor bis zuletzt selbst kaum entscheiden.

Die unterliegende dramaturgische Orientierungslosigkeit steht im Kontrast zur prägnanten Optik einer düsteren Filmwelt, bevölkert von bedrohlichen Gestalten, die ihr verschwundener Sohn sein könnten. Der von politischen Unruhen buchstäblich entbrannte Handlungsschauplatz Athen wird irdisches Pendant einer dantesken Hölle, in der Pari ständig wechselnden Führerfiguren begegnet. Mit jeder emanzipiert sich die verzweifelte Fremde mehr von ihrem Mann (Shahbaz Noshir), für den sie anfangs nur als Dolmetscherin fungiert. Verliert sie ihn im Protestgetümmel, verbrennt Sekunden später ihr Gewand.

Subtile Metaphern sind keine Stärke der kataklystischen Inszenierung, die sich nie vollends von konventionellen weiblichen Rollenbildern löst. Die Protagonistin die Tropen der unterdrückten Muslimin und Löwenmutter, die im Kampf um ihr Junges jeder Gefahr trotzt, die übrigen Frauen sind Prostituierte und eine Anarcho-Lesbe. Überzeugender ist die weibliche Kameraderie, die der undurchsichtige Plot subtil etabliert. Brauchbare Hinweise erhält Pari vorwiegend von Frauen, deren unterschiedliche Lebensmodelle ihr eine Vielzahl an Alternativen öffnen – alle besserer als ihre.

Mystery-Thriller und Charakterdrama verflechtet Siamak Etemadi zur schauspielerisch starken Aufnahme einer dogmatisch unterdrückten Frau als Repräsentation einer zersplitterten Gesellschaft, deren Vertrauen in eine bessere Zukunft sich abrupt in Nichts aufgelöst hat. In stygische Szenen, gleichermaßen inspiriert von gegenwartspolitischen Konflikten und klassischen Mythen, findet der Kampf gegen systematische Entmündigung auf vielen Ebenen statt. Äußerer Tumult spiegelt innere Aufruhr, Polizeigewalt fundamentalistische Brutalität. Aus diesem kathartischen Chaos kristallisiert sich Eigenmächtigkeit als lebenswerter heraus als ein fremdbestimmtes Schattendaseins.

  • OT: Pari
  • Regie: Siamak Etemadi 
  • Drehbuch: Siamak Etemadi 
  • Produktionsland: Greece, France, The Netherlands, Bulgaria 
  • Jahr: 2020
  • Laufzeit: 101 min. 
  • Cast: Melika Foroutan, Shahbaz Noshir, Sofia Kokkali, Argiris Pantazaras, Lena Kitsopoulou, Leyteris Tsatsis, Bijan Daneshmand, Dimitris Xanthopoulos
  • Beitragsbild © Berlinale
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