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Berlinale ’20 Generation: „Yalda, A Night for Forgiveness“ is as speculative as the TV-Show it imagines

Berlinale ’20 Generation: „Yalda, A Night for Forgiveness“ is as speculative as the TV-Show it imagines

Eine wegen Mordes an ihrem Ehemann verurteilte junge Frau entgeht der Todesstrafe, wenn des Getöteten Tochter ihr vergibt – vor laufenden Kameras. Klingt nach ätzender Mediensatire oder Gesellschaftskritik, ist aber bloß billiges Exploitation-Kino, so zynisch wie die handlungsausfüllende TV-Show. „Diese Art von Reality-Show existiert wirklich in meinem Land!“, behauptet Massoud Bakhshi im Pressematerial seines theatralischen Melodrams, dessen Präsentation noch spekulativer ist als die Prämisse. Systemkritik oder  Gesellschaftsanalyse interessieren nicht, nur Quote beziehungsweise Kasseneinnahmen.

Die von Misogynie, Klassismus und archaischen Traditionen definierten Sozialstrukturen, die einem reichen alten Geschäftsmann erlauben, sich die mittel- und praktisch rechtlose Angestellten-Tochter als Zeit-Frau zu kaufen, ist für den Regisseur und Drehbuchautor so selbstverständlich wie das Rechtskonzept von Blutgeld. Das können Angehörige Verurteilter an die des Opfers zahlen, um deren „Freude des Vergebens“ (so der Show-Titel) auf die Sprünge zu helfen. Genugtuung ist ja schön, aber nicht so schön wie eine Finanzspritze.

Besonders, wenn man verschuldet ist wie Mona (Behnaz Jafari), der Schurkin des Schmierentheaters. Der sieht keinerlei Verantwortung bei den in der patriarchalischen Diktatur allmächtigen Männern, die alle um die verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) bangen – am meisten der Show-Produzent. Seine Position spiegelt die Bakhshis, der in ihm sein Sprachrohr sieht. Spektakel wie dieses dienten der Rettung von Menschen wie der Verurteilten. Die darf für die Vermarktung ihrer Notlage noch dankbar sein, wie das Kinopublikum Bakhshi.

Massoud Bakhshis kalkuliertes Rührstück ist so spekulativ wie die perverse Reality-Show, deren Verlauf die sensationsgierige Handlung verfolgt. Irans inhumanes Rechtssystem und staatlich sanktionierte Misogynie? Kein Problem, solange die Leute sich auf Mitgefühl besinnen. Das Blutgeld des pathetischen Plots übersetzt sich für Bakhshi in Kasseneinnahmen seines eigenen Exploitation-Formats. Groteskerweise läuft das im Berlinale Kinderprogramm, offenbar in der Annahme, niemand überprüfe hier die vom Regisseur behauptete Faktengrundlage. Die vermeintliche reale TV-Show? Gibt’s natürlich nicht.

  • OT: Yalda, la nuit du pardon
  • Regie: Massoud Bakhshi
  • Drehbuch: Massoud Bakhshi
  • Produktionsland: France, Iran, Libanon, Luxembourg, Switzerland, Germany
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 89 min. 
  • Cast: Sadaf Asgari, Zakieh Behbahani, Arman Darvish, Forough Ghajabagli, Fereshteh Hosseini, Behnaz Jafari, Babak Karimi, Fereshteh Sadre Orafaiy, Ramona Shah, Faghiheh Soltani
  • Beitragsbild © Berlinale
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