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Berlinale ’20 Generation: „Sweet Thing“ romanticizes bitter childhood, leaving a sickening aftertaste

Berlinale ’20 Generation: „Sweet Thing“ romanticizes bitter childhood, leaving a sickening aftertaste

Für eine laut Regisseur zwischen Fiktion und Realität driftende Indie-Produktion, gedreht in grobkörnigen Bildern mit einer Besetzung aus halbprofessionellen Darsteller_innen und Laien, hast Alexandre Rockwell mäanderndes Road Movie eine irritierend konkrete Agenda von der Manipulation seines Zielpublikums: Erwachsene, deren Perspektive das ebenso familiäre wie selbstzentrierte Märchen von Missbrauch und Misshandlung emphatischer aufgreift als die der vermeintlich zentralen Kinder. Zwei von ihnen, Lana und Nico Rockwell, sind seine eigenen mit Film-Mutter Karyn Parsons.

Die persönliche Verbindung steigert die latente Creepiness eines Plots, der suggeriert, sogar die schlimmsten Auswüchse elterlicher Vernachlässigung und Gewalt gehörten vergeben und vergessen. Diese einlullende Botschaft klingt beständig im Hintergrund, wie die Stimme Billie Holidays, Namenspatronin der 15-jährige Billie (Lana). Die Wahl ihres alkoholsüchtigen Vaters Adam (Will Patton) interpretiert Rockwell als ultimativen Liebesbeweis, dem Lana nicht nur ihre Singstimme verdankt. Eine Vision der Bluesikone vermittelt ihr in den schlimmsten Momenten, alles würde gut werden.

Schneidet Adam als brutale Demonstration väterlicher Macht Billies Haare, wachsen die ja wieder nach. Rechtfertigt Mutter Eve (Adam – Eve – kapiert?) sexuellen Missbrauch der Kinder seitens ihres Partners Beau (ML Josepher), ist das bloß ein Alptraum, aus dem Mama zum unglaubwürdigen Happy End erwacht. Seelisches Leid wird negiert, physisches romantisiert. Narben machen vergeben, versichert Billies kleiner Bruder (Nico). Der Hirnschaden, den beider Freund Malek (Jabari Watkins) abkriegt, heilt ein Song auf Billies von Adam geflickter Ukulele. 

Erwachsenen können in der kindlichen Welt kaputtmachen, was sie wollen, solange sie es zum Schluss reparieren. Diese gleichermaßen verlogene und brutale Massage verpackt der selbsterklärte Indie-Filmer Alexander Rockwell in pseudo-naturalistisches Schwarz-Weiß. Das unterstreicht neben der behaupteten Authentizität des Jugenddramas dessen Anspruch auf Poesie, die misshandelten Kindern wie dem Hauptfiguren-Trio nach Rockwells Aussage in der Natur liegt. Diese zynische Verklärung kindlicher Traumata übersetzt sich inszenatorisch in kalkulierte Sentimentalität, Elendsporno und wirklichkeitsfremden Sozialkitsch. 

  • OT: Sweet Thing
  • Regie: Alexandre Rockwell
  • Drehbuch: Alexandre Rockwell
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2019
  • Laufzeit: 91 min. 
  • Cast: Will Patton, Karyn Parsons, Lana Rockwell, Nico Rockwell, ML Josepher, Jabari Watkins
  • Beitragsbild © Berlinale 
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