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„The Holdovers“ feels like it was made in its own time

„The Holdovers“ feels like it was made in its own time

Wenn Alexander Payne Geschichtsprofessor Paul Hunham (sein erstklassiger Sideways Star Paul Giamatti) seiner wehmütigen Weihnachtsgeschichte in einer der selbstgefälligen Schlüsselszenen die Bedeutung antiker Geschichte für die Gegenwart erklären lässt, meint das natürlich nicht nur den klassischen Kanon, den der verhasste Lehrer am Elite-Internat Barton lehrt. Er meint die Art melancholischer Männer-Märchen voll paternalistischer Philosophie und eklektischer Egozentrik repräsentiert durch seine altmodische Freundschafts-Feiertagskomödie. Deren Handlung, Hauptfiguren und Humor kennt man in- und auswendig, sobald sie in dem von Vintage-Ästhetik gerahmten 70er-Jahre-Setting erscheinen. Der misanthropische Pädagoge entdeckt sein jüngeres Selbst in dem mürrischen Angus Tully (Dominic Sessa), der seinerseits eine Vaterfigur findet.

Der Klassenbeste verbringt die Weihnachtsferien widerwillig im Internat unter Hunhams Aufsicht. Erst mit einem Quartett ebenfalls zurückgelassener Schüler, schließlich allein mit Köchin Mary Lamb (exzellent: Da’Vine Joy Randolph). David Hemingsons Drehbuch, das weibliche Charaktere nur als Mütter oder Lustobjekte sieht, reduziert die einzige ansatzweise Interessante Figur auf den Verlust ihres in Vietnam gefallenen Sohnes. Als Triple-Token illustriert die Schwarze Vertreterin der Arbeiterklasse Respekt, Fürsorge und politische Progressivität Angus und Pauls. Beide stehen selbstverständlich über der dialogisch deklamierten Blasiertheit des durch die Retro-Optik subtil ikonisierten Internatsschauplatzes, dessen Männer-Mikrokosmos natürlich trotzdem romantisiert wird. Genau wie die verstaubten Werte der Ära, in die Paynes Inszenierung allzu gut passt. 

Unter seiner brüchigen Lasur angestaubter Ironie und humoristischem Humanismus ist Alexander Paynes sentimentale Schulkomödie durchdrungen von der akademistischen Arroganz und der patriarchalischen Persistenz der elitären Enklave, die den überlangen Plot beherbergt. Die handwerkliche Geübtheit verbunden mit den starken Darstellungen, insbesondere Da’Vine Joy Randolphs und Paul Giamattis machen die in jeder trivialen Entwicklung vorhersehbare Story zu einem ambivalenten Amüsement mit dem bitteren Beigeschmack nostalgischen Narzissmus. 

  • OT: The Holdovers
  • Director: Alexander Payne
  • Screenplay: David Hemingson
  • Country: USA
  • Year: 2023
  • Running Time: 133 min. 
  • Cast: Paul Giamatti, Tate Donovan, Da’Vine Joy Randolph, Carrie Preston, Gillian Vigman, Michael Provost, Brady Hepner, Oscar Wahlberg, Greg Chopoorian, Colleen Clinton, Dominic Sessa, Rena Maliszewski, Michael Malvesti, Jane Howes, Pamela Jayne Morgan, Oliver Spenceman
  • Image © Universal Pictures
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