#movie #review #cinema #critic #film #festival #podcast

“Spuk unterm Riesenrad”: Gruselig geistlos

“Spuk unterm Riesenrad”: Gruselig geistlos

Viele DDR-Produktionen schafften es nicht, sich auch beim an internationale Filmkost gewohnten West-Publikum zu behaupten. Eine der wenigen Ausnahmen war der Ende der 70er von Günter Meyer und Peter Süring geschriebene Fantasy-Spaß Spuk unterm Riesenrad. Ursprünglich als siebenteilige Fernsehserie ausgestrahlt, dann umgeschnitten zu einem zweiteiligen Spielfilm, wurde die Geschichte dreier durch Zauberei zum Leben erweckter Geisterbahn-Figuren und des Kinder-Trios, das die Ausreißer wieder einfangen will, zum regelmäßig wiederholten Repertoire-Werk, das sich auch in der BRD großer Beliebtheit erfreute. Das hatte seine Gründe, die Thomas Stuber und  seinem als „Die Köbris“ fungierenden Drehbuchautoren-Duo Anja Kömmerling und Thomas Brinx offenbar fremd sind. 

Das krude Remake, das mit dem Original außer Titel, Prämisse und Figurennamen nichts gemein hat, lässt bezweifeln, dass einer von ihnen den Kinderfernseh-Klassiker gesehen hat. Trotz des Mangels an Referenzen und Respekt ist die Neuauflage irritierend gestrig und reaktionär. Die Message ist in radikaler Umkehr der damaligen Botschaft hardcore-imperialistisch. Der ranzige Rummel des verstorbenen Erzählers Jackel (Peter Kurth) ist Pleite. Also müssen die erwachsenen Töchter, um die er sich nie gekümmert hat, Partnerin Britta (Katja Preuß) und die Enkeltöchter Umbo (Noèl Gabriel Kipp), Keks (Lale Andrä) und Tammi (Elisabeth Bellé) ihre Zukunftspläne opfern, um des alten weißen cis Mannes Lebenswerk zu retten. 

Passend zu dem patriarchalischen Traditionalismus sind die nunmehr ausschließlich weiblichen Menschencharaktere allesamt Negativklischees: Tammi die kreischende Influencerin, ihre Mutter Simone die kalte Karrierefrau, Keks die krampfige Denkerin mit Nerd-Brille und ihre Mutter wiederum die verlassene Hausmama. Motivation und Meinung der Figuren ändert sich praktisch im Minutentakt, weil es die sinnfreie Story so will. Und der titelgebende Spuk? Beschränkt sich auf Gestikulieren und Grimassen schneiden der Geister, die kaum etwas zu tun haben. So viel sei verraten: Am Ende der auf die Hälfte gekürzten Handlung dürfen auch sie in ihrer menschlichen Gestalt nicht etwa bürgerliche Rechte genießen, sondern weiter als Geld-Marionetten schuften. 

Man muss das Original aus dem DDR-Fernsehen nicht kennen, um von Thomas Stubers Neuverfilmung enttäuscht zu sein. Auch wenn die Kulturgeschichte Fernsehserie nicht makellos gealtert ist (und die Einbürgerung in der DDR schon 1979 ein fragwürdiges Happy End abgab), erscheint sie im Vergleich zu der neokonservativen Neuverfilmung geradezu progressiv. Die überarbeiteten Charaktere sind ebenso unausgegoren wie unsympathisch, die nunmehr für das Kino produzierten Effekte sind schlechter als die alte Tricktechnik, Kostüme und Make-up wirken improvisiert und jeder der plumpen Witze wird mindestens dreimal wiederholt, auch wenn es ein pupsendes Pony ist. Nicht nur für eine Spukgeschichte ist das ernüchternd geistlos.

  • OT: Spuk unterm Riesenrad 
  • Director: Thomas Stuber
  • Screenplay: Die Köbris / Anja Kömmerling, Thomas Brinx
  • Country: Germany
  • Year: 2023
  • Running Time: 95 min. 
  • Cast: Elisabeth Bellé, Lale Andrä, Noèl Gabriel Kipp, Peter Kurth, Katja Preuß, Sophie Lutz, Lina Wendel, Anna Schudt, Moritz Führmann, David Bennent
  • Image © Farbfilm
This piece first appeared …