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Neil Jordan mischt Mythen, Melancholie & Männermärchen in „Ondine“

Neil Jordan mischt Mythen, Melancholie & Männermärchen in „Ondine“

Willst du, dass wir an Märchen glauben?“, fragt ein Küstenaufseher den Fischer Syracus (Colin Farrell), als er die ungewöhnliche Fracht auf dessen Kutter erblickt. Ja, lautet die schlichte Antwort des Hauptcharakters und implizit auch des irischen Regisseurs. In poetischen Bildern verknüpft seine zarte Liebesgeschichte Legenden von Selkies und Seehund-Mädchen, die ihr Fell vergraben müssen, um an Land unter Menschen leben zu dürfen, mit dem aus Kunstmärchen vertrauten Motiv der Wasserfrau, die einen einsamen Menschen erlöst – oft zum Preis ihres eigenen Glücks. 

Einsam ist Syracus, dessen Name auf die griechische Fischerinsel verweist. Meist glücklos befährt der trockene Alkoholiker, dessen schwerkranke Tochter Annie ( Alison Barry) bei seiner trinkenden Ex-Frau Maura (Dervla Kirwan) und deren brutalen Freund (Tony Curran) aufwächst, im Kutter die See um die kleine irische Insel. „Circus, the Clown“ rufen Syracus die Einwohnern in spöttischer Erinnerung an seine Alkoholeskapaden. Doch im Märchen ist dem Narren das Glück hold und Syrakus erscheint es in Gestalt Ondines. Die geheimnisvolle Unbekannte hängt in seinem Netz wie eine Meerjungfrau und überredet ihn, sie bei sich zu verstecken. 

Ihr betörender Gesang in unbekannter Sprache füllt seine Netze mit reichem Fang und sein Herz mit Liebe. Annie sieht in der verschlossenen Frau eine Selkie aus ihren Kinderbüchern; die melancholische Inszenierung indes enthüllt ein zerrissenes Wesen irdischer Natur. In den erdigen Farben Arthur Rakhams zeichnet Jordan die raue Schönheit der Insel und ihrer Bewohner. Der harsche Alltag nährt ihre Sehnsucht nach Wundern. So selbstverständlich wie Annie nimmt schließlich Syracus die Wahrheit der Überlieferung an, die womöglich nur seine eigene ist. Doch keine Wasserfrau kann ihre Herkunft leicht zurücklassen. Auch nicht Ondine. 

Märchenmotive sind Jordans kreatives Element. Basierend auf Angela Carters tiefenpsychologischer Rotkäppchen-Interpretation schuf er mit The Company of Wolves sein komplexestes Werk. Anders als die Schauergeschichte schöpft Ondine aus Sage und Mythologie. Die Titelfigur ist moderne Wiedergängerin weiblicher Elementargeister, der Nixen und Rusalki. Wie ihre Namensschwester Undine erhält sie an Land einen neuen Namen, lässt sie Element und Volk zurück, um mit ihrem Liebsten zu sein. Sentimentale Magie ist indes nur eine Seite des legendären Stoffs, den Jordan nicht ohne realistische Brüche erzählt

Die Story erinnert, dass Erwachsene einen Rest Märchenglauben brauchen, wenn sie nicht verbittern wollen. Ondines Zauber sind die von ihr erweckten Gefühle, nicht zufällig nautische Glückssymbole: Glaube, Liebe, Hoffnung. Nach der Sage sind sie Trugbilder für das Wasserwesen, das der Menschenmann verrät. Das Meer schäumt und bringt Gefahr in Gestalt dämonischer Bekannter. „Manchmal finden sie unerwartetes Glück mit einem Menschen“, erzählt Annie über die Selkies. Tatsächlich tun sie es nur selten. Den düsteren Abgrund verleugnet die melancholische Romanze: „Vielleicht, weil die Wirklichkeit zu hart ist.“ 

Die Romantisierung der Legenden reduziert deren Vielschichtigkeit. Hart ist auch die Märchenwirklichkeit. Melusine verlässt ihre Kinder und deren Vater, der ihre einzige Bitte missachtet und sie schmählich hintergeht. Undine zieht Hans in ein nasses Grab, den Fischer und seine Frau verhöhnt das Glück, damit den Mangel umso schmerzlicher spüren. So schön Jordans Kinomärchen anzusehen ist, so unendlich weit ist es von den wahren Märchen entfernt. 

  • OT: Ondine 
  • Regie: Neil Jordan
  • Drehbuch: Neil Jordan 
  • Produktionsland: Irland
  • Jahr: 2009
  • Laufzeit: 111 min.
  • Cast: Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Alison Barry, Stephen Rea, Tony Curran, Dervla Kirwan, Emil Hostina, Don Wycherley
  • Kinostart: 21.10.2010
  • Beitragsbild © Concorde Filmverleih
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