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Berlinale ‘24 Shorts: „Lick A Wound“

Berlinale ‘24 Shorts: „Lick A Wound“

Würde nicht bisweilen ein Auto durch die gespenstischen Schauplätze Nathan Ghalis enigmatischen Experimentalfilms rauschen oder in der Ferne künstliches Licht blinken, erschiene die Welt nahezu apokalyptisch. Und das ist sie letztlich. Nicht für die Menschen, die in den desolaten Kulissen nur indirekt durch ihre baulichen Spuren und Müllberge präsent sind, sondern den eigentlichen Protagonisten der assoziativen Szenen. Es sind die omnipräsenten Tiere des in seiner Aussage grundverschiedenen Originaltitels, auf die der Regisseur existenzialistische Gedankengänge projektiert. 

Das gilt wörtlich in den meist nächtlichen Szenen, in denen knappe Monolog-Texte auf die Kulissen geblendet werden. Die Worte sind geprägt von den morbiden Motiven, die in den Kameraaufnahmen und punktuellen Stop-Motion-Effekten anklingen: Verlust, Zerstörung, Tod, Schmerz, Zorn. Es in jedem Sinne ein Szenario definiert von Verwesung und Verfall, Relikten und Ruinen, alle menschengemacht. Die animalischen Charaktere fürchten und verachten die Menschen im Bewusstsein, dass ihre Zukunft so aussieht wie die ausgestopften Leichen im Naturkunde-Museum. 

Düster, geisterhaft und bedrückend, lebt Nathan Ghalis moderne Fabel im Berlinale Kurzfilmprogramm besonders durch ihre anderweltliche Atmosphäre. Mit minimalen Mittel, dafür umso mehr Gespür für Szenenbilder und Stimmung, schafft der Regisseur und Drehbuchautor ein endzeitliches Diorama, belebt von einer in Kontemplation und Ritualen vertieften Tiergemeinde. Deren Verfolgung, Verdrängung und Vernichtung gewinnt unweigerlich metaphorische Züge in einer Ära von Krieg, Fanatismus und Umweltzerstörung. Die ohne gesprochene Dialoge vermittelten Gedanken werden vom filmischen Experiment zur verstörenden Prophezeiung. 

  • OT: Les animaux vont mieux
  • Director: Nathan Ghali
  • Screenplay: Nathan Ghali
  • Country: France 
  • Year: 2024
  • Running Time: 24 min. 
  • Cast: 
  • Image © Nathan Ghali
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