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Venice `23 Competition: „Evil Does Not Exist“

Venice `23 Competition: „Evil Does Not Exist“

An der Oberfläche scheint Ryusuke Hamaguchis wehmütiger Wettbewerbsbeitrag nur eine bedrückende Chronik der unaufhaltsamen Zerstörung der Natur ausgerechnet durch die Menschen, die sie in ihrem städtischen Umfeld vermissen und verklären. Doch in die langen Kameraeinstellungen, die oftmals noch einige Momente ausharren wie in stiller Kontemplation über das Gezeigte, webt der Regisseur und Drehbuchautor eine weit tiefer gehende Meditation über unwiederbringlichen Verlust auf sozialer, familiärer und ideeller Ebene, und die Fragilität gerade jener Dinge, die am sichersten scheinen. So wie Eiko Ishibashis elegische Kompositionen wiederholt abrupt abbrechen, um eine klaffende Stille zu hinterlassen, brechen Gesellschaftsgefüge, Lebensmodelle und emotionaler Rückhalt unvermittelt weg.

Solch wirkungsvoller Einsatz schlichter Stilmittel spiegelt die motivische und ethische Komplexität der unscheinbaren Story. Der verwitwete Gelegenheitsarbeiter Takumi (Hitoshi Omika) lebt in Symbiose mit der malerischen Umgebung mit seiner kleinen Tochter Hana (Ryo Nishikawa) in einem Dorf, in dem ein „Glamping“-Ressort für Tokioter Touristen entstehen soll. Die dramaturgischen Rollen scheinen klar verteilt. Doch die zu Bewerbung des Projekts vorgeschickten Angestellten Takahashi (Ryuji Kosaka) und Mayuzumi (Ayaka Shibutani) hadern selbst mit ihrer Mission, das friedfertige Idyll birgt gefährliche Instinkte, Takumis Schweigsamkeit verstörende Impulse und der Titel einen herben Rückschluss. In der Natur ist nichts einfach böse – oder rein und gut. 

Poem und Parabel verknüpft Ryusuke Hamaguchi zu einem gleichsam schmerzlich schönen und schonungslos grausamen Wettbewerbsfilm. In dessen entrückter Atmosphäre treffen märchenhafte Motive auf lakonischen Witz und darstellerischen Naturalismus. Dieser dramaturgische Kontrast vertieft die vielschichtige Inszenierung, deren Interpretation mitunter opak wirkt, aber gerade dadurch stets faszinierend.

  • OT: Aku wa sonzai shinai
  • Director: Ryusuke Hamaguchi
  • Screenplay: Ryusuke Hamaguchi
  • Country: Japan 
  • Year: 2023
  • Running Time: 106 min. 
  • Cast: Hitoshi Omika, Ayaka Shibutani, Rei Nishikawa, Ryûji Kosaka, Hazuki Kikuchi, Chihiro Nagai, Hiroyuki Miura, Taijirô Tamura, Yûto Torii
  • Image © M-Appeal
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