#movie #review #cinema #critic #film #festival #podcast

“Coppelia” dreams up droll union of ballet & animation

“Coppelia” dreams up droll union of ballet & animation

Für eine Geschichte über die Verdrängung lebendiger Natürlichkeit durch synthetische Perfektion kommt die von Ben Tesseur, Steven de Beul und Jeff Tudor makellos realisierte Komposition aus Ballettfilm, Musical und Animation bezeichnend nah an die sterile Vollkommenheit der Titelfigur. Selbige verweist als von Mars Attacks! und Barbie inspirierter Maschinenmensch auf die ironische Verspieltheit Tudors zugrunde liegender Bühnenproduktion. Deren filmische Übersetzung in eine nahtlose Symbiose scheinbar schwereloser Choreografien, drolliger Zeichenkulissen und stilisierter Computeranimation übergeht neben den düsteren Motiven E.T.A. Hoffmans literarischer Grundlage auch die Ambivalenz der Modernisierung. Die dämonisiert zwar künstliche Assimilation an Ideale, idealisiert jedoch gleichzeitig das normative Idyll des pittoresken Schauplatzes. 

Dessen Bewohner*innen sind bereits vollkommen, bevor der tückische Coppelius (Vito Mazzeo) dort auftaucht. Anders als im 1870 uraufgeführten Ballett verkörpert der Cyber-Schönheitschirurg den bedrohlichen Fremden, der als einziger nicht die omnipräsente Heteronormativität lebt. Den Antagonismus queeren Außenseitertums und Hetero-Harmonie macht die familienaffine Inszenierung unmissverständlich: Coppelias Asexualität markiert Seelenlosigkeit, weshalb ihr vampirischer Schöpfer ihr zaubertechnologisch eine Seele transferieren will: die des Liebsten der jungen Swan(hilde). Famos dargestellt von Michaela DePrince, überstrahlt die Heldin mit ihrer individuellen Authentizität nicht nur erwartungsgemäß jedes Übel, sondern auch die restriktive Biederkeit einer Filmwelt, in der im doppelten Sinne alles durchgetaktet ist.

  • OT: Coppelia
  • Regie: Ben Tesseur, Steven de Beul, Jeff Tudor
  • Drehbuch: Tamara Bos
  • Produktionsland: Netherlands, Belgium, Germany
  • Jahr: 2021
  • Laufzeit: 82 min. 
  • Cast: Michaela DePrince, Erica Horwood, Darcey Bussell, Zhan Daniel, Igoné de Jongh, Jan Kooijman, Vito Mazzeo, Irek Mukhamedov, Glynis Terborg
  • Kinostart: 16.12.2021
  • Beitragsbild © SquareOne Productions