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Trier’s Big Bang Theory „Nymphomaniac“ ist voll ungeil

Trier’s Big Bang Theory „Nymphomaniac“ ist voll ungeil

Ein (schein)heiliger Typ mit dem verräterischen Namen Seligman (Stellan Skarsgard) findet die Titelfigur Joe (Charlotte Gainsboug) zusammengeschlagen und heruntergekommen in einer Gasse und nimmt sie wie ein verwundetes Tier mit nach Hause. Sie tut, was fiktive Figuren in solchen tumben Situationen tun, nämlich ihre Lebensbeichte ablegen. Und diese kruden Szenen sind erst der Auftakt zu Lars von Triers epischer Bums-Biographie einer Sexsüchtigen. Mit Labeln hat die Hauptfigur der melodramatischen Orgasmus-Odyssee keine Probleme. Sie sei ein schlechter Mensch, sagt sie Seligman, der ihr beharrlich widerspricht. Der Filmemacher und Möchte-ach-soooo-gerne-Provokateur frönt einmal mehr seiner Faszination für die Heilige Hure. In Breaking the Waves war es Gott, der die gefallene Protagonistin am Ende ihrer sexualisierten Selbstkasteiung aufrichtete, in Dancer in the Dark waren es sentimental-verklärte Musical-Fantasien, die den Opfergang der Protagonistin überhöhten.

In Nymphomaniac ist es nun das Publikum, das der Fick-Verrückten blödsinnigen Bekenntnissen lauscht. Nach dem Prinzip Schulmädchen-Report reicht dafür ein Film nicht. Zweimal wird abkassiert mit der gleichen Sex-Story, unterteilt in Kapitel mit bisweilen kuriosen Titeln. Eine moderne Scheherazade soll Joe (jung: Stacy Martin) sein, die mit ihren Erzählungen subtil verführt. Dabei entgeht von Trier ein entscheidender Aspekt. Scheherazade erzählt jede Nacht eine andere Geschichte, wundersam, poetisch oder spannend. Joe erzählt xxx-mal die gleiche Geschichte, vorhersehbar, einfallslos und plump. Tatsächlich ist Joe Antityp der literarischen Heldin. Diese ist klug während die Filmgestalt trotz daher referierter Fachkenntnisse armgeistig wirkt. Mit Freundin B (Sophie Kennedy Clark) macht sie einen Zug wortwörtlich zum sex train und schiebt sich im Restaurant Besteck in die falsche Körperöffnung. Selbst Udo Kier, der in seiner Karriere einige Sex-Spleens erlebt hat, guckt da verdutzt.

Sonst hat er nicht viel vor der Kamera zu tun. Sein Schicksal teilt Uma Thurman, die sich in einem Auftritt als betrogene Gattin austobt. Spekulationen, prominente Cast-Mitglieder wie Shia LaBeouf, Willem Dafoe und Jamie Bell gäben sich beim Dreh Blöße, sind müßig. Bodydouble wäre ein passenderer Titel für die peinliche Altmännerphantasie, aber den hat Brian De Palma verbraucht. Trotzdem versicherten die Akteure, sexuelle Inhalte stellten für sie kein Problem dar. Nymphomaniac trieft nur so von pseudokünstlerischer Bigotterie. Hemmungslos ist die öde Orgie einzig auf kommerzieller Ebene. Titel, Poster, Teaser, Trailer und die portionierte Verwertung des Stoffs machen das Projekt tatsächlich zu einem Meisterwerk – des Marketing. So fuck it.

  • OT: Nymphmaniac
  • Regie: Lars von Trier
  • Drehbuch: Lars von Trier
  • Produktionsland: Frankreich, Belgien, Dänemark, Deutschland
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 122 min.
  • Cast: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Jamie Bell, Christian Slater, Connie Nielsen, Willem Dafoe, Jesper Christensen, Jens Albinus, Nicolas Bro, Udo Kier, Shanti Roney, Hugo Speer, Uma Thurman
  • Kinostart: 20.02.2014
  • Beitragsbild © Berlinale