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Tired, old & worn-out: „This is 40“

Tired, old & worn-out: „This is 40“

2007 war das Jahr eines historischen Wendepunkts, eines fundamentalen Wandels. Unvorstellbar, dass der geschichtsträchtige Augenblick unbemerkt an irgendjemandem vorübergegangen sei, denn er erschütterte die Welt. Zugegebenermaßen war es nur die kleine, blasierte, Elitewelt von Judd Apatow. Die kreist ausschließlich um den Regisseur und Drehbuchautor selbst, daher dreht sich folglich in seiner filmischen Verarbeitung des Traumas alles um ihn.

„Alles“ ist im Fall des jüngsten Werks des umtriebigen Fabrikanten betont zotiger Mainstream-Komödien Nichts: das Nichts an Handlung. In deren Zentrum steht Apatows Ego, das hier als Alter Ego auftritt. Es hat Apatows Musikgeschmack, seine Frau und Kinder, nur nicht seinen Namen. Judd ist jetzt Rudd, Paul Rudd. Rudd spielt in der gähnenden Leere, die regiert wo normalerweise ein Plot, Charaktere und Emotionen sind, Pete. Für ihn endet der Film mit Apatows titelgebendem Fazit der Katastrophe 2007: This is 40. Die Midlife-Crisis wird zur cineastische Krisis. Genial. Leider ist die deutsche Synchronisation das nicht, genauso wie der hiesige Verleih-Titel Immer Ärger mit 40. Haben alle immer Ärger, wenn sie genau 40 werden? Hat man andauernd Ärger, wenn man 40 ist? Hat man immer Ärger mit der 40, weil 40 die neue 13 ist? Das originalgetreue This is 40 hingegen sagt es nicht nur schonungslos, sondern erinnert im Englischen an „This is it“. Das war´s – 40. Schluss, aus, Ende . Unglücklicherweise ist das erst der Anfang, eines neuen Lebensjahrs und eines Kinofilms.

Beide verbindet die Ziffer, die das Protagonisten-Pärchen Debbie (Leslie Mann) und Pete zuverlässig erwähnt, wenn die Dialogimprovisation so zäh geht wie Apatows Story. Deren Konfliktthema und Pointe beginnt mit 4 und endet mit 0. This is …? Richtig: 40! Einen Eindruck davon in welche Verfassung der runde Geburtstag ihn versetzte, gibt sein Oevre aus dem Katastrophenjahr. Sieht man wie arg es seitdem unterhaltungstechnisch gekommen ist, sehnt man sich fast dorthin zurück. So wie sich manche ab 40 auf dem Geburtstagskuchen die Kerzenzahl zurückwünscht, die einem als Teenager wie ein Grablicht schien: 38. So alt wird Debbie zu Filmbeginn nach ihrer Zeitrechnung, die ihr Frauenarzt, ihr Petes bei ihm auf Pump lebender Vater (Albert Brooks) und die Facebook-Feinde ihrer Töchter Sadie und Charlotte (Maude und Iris Apatow) boykottieren. Fast Hundertvierzig (100 und 40!) Minuten lang, ist die Altersparanoia der im Zweitwagen zwischen Villenanwesen, Privattrainer Jason (Jason Segel) und Luxusurlaub pendelnden Boutique-Besitzerin und Produzentengattin Debbie so etwa so amüsant wie die altersbedingte Vorsorgeuntersuchung.

Die nötigt Apatow Figuren und Publikum, das Debbie bei Mamografie, Darmspiegelung und auf den Gynäkologenstuhl begleitet. Während die phlegmatische Kamera derart ihr Innenleben ausleuchte, geht es eigentlich um Pete. Er nimmt Viagra, verrät eine der permanenten Streitereien. Weil er selbst bald „nullt“? Weil er zu viele Cupcakes isst, was Gesundheitspredigerin Debbie zur Weißglut bringt? Weil Debbie nicht so knackig ist wie ihre Ladenassistentin Megan Fox? Weil Petes Platte mit Graham Parker (in einer Cameo) floppt? „Ich hab Mitleid mit uns“, sagt er Debbie. Sieht man beide sich durch repetitive Running Gags (Sadie guckt Lost, Larry verwechselt seine Drillinge, Pete isst Cupcakes, Männer mögen Megan Fox) quälen, denkt man ähnlich. Die witz- und einfallslose Alltagschronik eines über Geldnot klagenden Superreichen-Paares entlockt mangels Ironie statt eines Schmunzeln bestenfalls (Fremd)Scham. Apatow hingegen kennt keine und lässt Gattin, Gören, Gefolgsleute und alle, die ihm noch eine Gefallen schuldeten, quasi sich selbst spielen.

Diese Selbstbespiegelung findet auf einem tieferen Niveau als eine Nabelschau statt. Das belegt eine Szene, in der Pete seinen Enddarm mittels eines Spiegels erkundet und Debbie auffordert, ebenfalls hineinzuschauen. Eine kongeniale Metapher für den Narzisstischen Knock-Out, den man beurteilt wie Debbie die Titelziffer: „Verkackte 40! Die 40 soll mich am Arsch lecken.

  • Beitragsbild © Universal