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Berlinale ’10: Tilda Swinton genießt in „I Am Love“ mit allen Sinnen

Berlinale ’10: Tilda Swinton genießt in „I Am Love“ mit allen Sinnen

In der Leidenschaft verschmelzen Fühlender und Gefühl, suggeriert der Originaltitel von Luca Guadagninos amourösen Drama. Der italienische Regisseur ergründet in seiner vielschichtigen Beziehungsstudie eine spezifische Form der Liebe in ihren Facetten und Nuancen. Die Leichtigkeit einer amour fou und die elegische Düsterkeit einer Familientragödie vereinen sich in der meisterlichen Inszenierung. Emotionale Intensität gewinnt die bittere Romanze nicht durch die Handlung, sondern die unterschwellige Sinnlichkeit der Bilder. 

Der Plot ist übervoll an begehrlichen Szenen, die oft im Widerspruch zum Gefühlsversprechen des Titels stehen. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Moment, indem Emma (Tilda Swinton) von einem Gericht kostet, dass Koch Antonio (Edoardo Gabriellini) eigens für sie zubereitet hat. Ihre Umwelt versinkt im Dunkeln, alle Geräusche verstummen, während sie lustvoll ihre Speise genießt. Sensorischer Freude ist die Protagonistin entwöhnt. Seit Jahrzehnten existiert die gebürtige Russin seelisch erstarrt in der Ehe mit Tancredi Recchi (Pippo Delbono), Patriarch einer italienischen Industriellen-Dynastie. Nur zu ihren erwachsenen Kindern Elisabetta (Alba Rohrwacher) und Eduardo (Flavio Parneti) empfindet Emma noch Nähe. Antonios Gericht wirkt auf sie wie ein Liebestrank aus einem Märchen, welches die stilisierte Inszenierung evoziert. 

Die exakte Struktur des hochkarätigen Schauspiels droht beständige die Atmosphäre mit Berechnung zu ersticken. Ähnlich den Regeln im Haus der Recchis. Das Filmplakat zeigt das Ensemble in strenger Sitzordnung; um eine solche am Tisch der Recchis geht es in den Anfangsszenen. Jedes Haushaltsmitglied kennt den ihm zugewiesenen Platz. Ihn zu verlassen kommt Verrat gleich. Konflikte werden unterdrückt oder totgeschwiegen. Unter der undurchdringlichen Oberfläche aber glühen Emotionen. Die Melodramatik zügelt das konzentrierte Spiel des Ensembles.Der auf der diesjährigen Berlinale im Kulinarisches Kino aufgeführt Auftakt von Guadagninos Desire-Trilogie serviert Essen und Theatralik sorgfältig portioniert. Antonios Kochkunst vermittelt seine Unverfälschtheit und Genussfreude – ein lebendes Gegenbild der lustfeindlichen und dekadenten Recchis.

Die architektonische Kühle der Recchi-Villa evoziert ein Mausoleum, in welchem Emma lebendig aufgebahrt ist. Sein Anwesen charakterisiert Tancredi als Sammler von Vermögen, Kunst und Menschen. Nach Russland sei er gekommen, um Schätze zu finden, erinnert sich Emma. Gefunden hat er sie. Symbolisiert wird die Degradierung zum Accessoire ihres Gatten durch ihre Namensänderung. Dass ihre Selbst(wieder)findung nur durch einen anderen Mann erfolgen kann, zerstört indes das adrette romantische Konstrukt, das Regisseur und Hauptdarstellerin 11 Jahre lang entwickelten. Selbst John Adams schwermütigen Kompositionen können den bürgerlichen Moralismus und latenten Paternalismus nicht kaschieren. So köstlich Swintons Darstellung, Szenerie und Kameraaufnahmen sind, bleibt doch ein schaler Nachgeschmack. 

  • OT: Io sono l’amore 
  • Regie: Luca Guadagnino 
  • Drehbuch: Ivan Cotroneo, Luca Guadagnino, Barbara Alberti, Walter Fasano 
  • Produktionsland: Italien 
  • Jahr: 2009 
  • Laufzeit: 120 min.
  • Cast: Tilda Swinton, Alba Rohrwacher, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Pippo Delbono 
  • Kinostart: 14.10.2010
  • Beitragsbild © MFA+ Filmdistribution 
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