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„Stille ist etwas sehr Mächtiges“ – Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

„Stille ist etwas sehr Mächtiges“ – Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

Mit Schwarzweiß-Bildern, fast ohne Ton und ohne jeglichen erkennbaren digitalen Effekt hat sich Michel Hazanavicius‘ Film The Artist vom Geheimtipp beim letztjährigen Festival von Cannes zum heißen Anwärter auf (mindestens) einen Academy Award gemausert und räumt auch sonst jede Menge Preise ab. Im Interview verrät der französische Regisseur, dass er trotz des Retro-Charmes seines Films an die Zukunft von 3D glaubt und was die Schwierigkeiten sind, wenn man einen Stummfilm dreht.

Dein Film erinnert daran, wie großartig Kino sein kann ohne 3D und CGI.

Ich denke 3D und Digitaleffekte habe eine große Zukunft vor sich. Es ist einfach eine andere Ausführungsform. Was wichtig ist, ist der Film selbst. Zum Beispiel Planet der Affen: Prevolution, der in diesem Jahr gemacht wurde, ist voller Digitaleffekten und ein toller Film. Andererseits ist der iranische Film Nader und Simin – Eine Trennung ein großartiger Film und darin sind keine digitalen Effekte. Aber beide wollen nicht die gleiche Art Emotionen wecken.

Woher kommt Dein Interesse an der Geschichte Hollywoods und die Idee zu einem Stummfilm?

Ich habe klassische Hollywood-Filme immer geliebt und schaue mir viele zuhause an. Wir haben keinen Fernseher. Wir gucken DVDs, wenn wir einen Film sehen wollen. Aber mein Ausgangspunkt war nicht, eine Hommage an Hollywood zu drehen. Ich wollte nur einen Stummfilm machen. Das Format zog mich an.

Stand von Anfang an fest, dass es ein Drama und keine Parodie wird, wie sie das Publikum Deiner vorigen Filme erwarten könnte?

Es war nicht so klar, denn ich hatte zwei Optionen – und ich denke, es ist ein fröhliches Melodrama! Bei den Golden Globes liefen wir in der Comedy-Kategorie, womit ich sehr glücklich bin. Tatsächlich zeigt die Eröffnungssequenz mit dem Film-im-Film, mit dem Spion, was der Film hätte sein können. Ein sehr leichter Film mit einem Spion, Abenteuer und Komik.

Ist die Inszenierung anders als die eines Tonfilms?

Was anders ist, ist die Art sich Dinge auszudenken. Am Set ist es das gleiche und ich habe nicht so viele Dialoge für die Schauspieler geschrieben. Jean beispielsweise hat mich bestimmt zwanzigmal gefragt: „Schreibst du was?“ Da er nicht besonders gut Englisch spricht, fürchtete er, Englisch sprechen zu müssen. Aber ich wollte ihm keine Dialoge geben, weil ich wusste, dass er sich an ihnen abarbeiten würde. Daher haben einige improvisiert. John Goodman liebt es, Dialoge zu improvisieren. Was technisch anders ist, ist das Drehbuch zu schreiben. Das ist eine sehr spezifische Aufgabe.

Nimmst Du Stille im Tonfilm nun anders wahr?

Es gibt keine Stille bei der Art, wie wir Filme machen. Niemals. Bei diesem gibt es einige kleine stumme Momente im Film. Alle sagten, sogar hier, bei einem Stummfilm: Wir können keine stumme Sequenz haben. Ich sagte: Aber es ist ein Stummfilm, ich will das so machen. – Schon, aber die Leute werden glauben, es gäbe ein Problem. Sogar der Soundmixer, jeder, selbst die Darsteller hatten Angst. Jean erzählte mir, dass, als ich entschied keine Musik zu verwenden, sich alle vor der Stille fürchteten. Aber Stille wurde ein Teil des Entstehungsprozesses und Drehbuchschreibens. Sie wurde zu einem Filmmotiv. Stille ist etwas sehr Mächtiges.

Du verwendest nicht bei jedem der Dialoge Zwischentitel.

Nicht nur, dass man sie nicht braucht; man wäre enttäuscht, wenn ich dort etwas hinsetzte. Damit würde ich etwas aufzwingen. Es gibt zum Beispiel eine Szene nach dem Brand, als er in ihrem Haus aufwacht und sie frühstücken und sind fröhlich. Einer der Produzenten sagte nach dem ersten Schnitt: Wir wollen unbedingt wissen, worüber sie in diesem Moment reden. Ich sagte: Du wärst enttäuscht, denn wenn ich etwas sagte, wäre das meine Vorstellung. Dass sie glücklich sind zählt. Jeder kann sich vorstellen, was er möchte, worüber sie reden. Genau darum geht es beim Stummfilm.

Vielleicht ist das etwas, das wir ohne Stummfilme verloren haben.

Ja, bestimmt. Was bei so einer Szene wichtig ist, ist dass sie gemeinsam gut aussehen. Ich weiß, worüber sie reden, aber es ist unwichtig und steckt in der Sequenz. Ich liefere wenig Informationen und habe damit gescherzt. Ich habe die Titelkarten ausgetauscht und es funktioniert mit ihrem Spiel. Was zählt ist, dass sie viel redet. Er sieht sie nur für lange Zeit an. Worüber sie redet, das ist uns egal.

Denkst Du daran weitere Stummfilm zu drehen?

Ich weiß nicht. Es gefällt mir, daran zu arbeiten. Ich denke, ich könnte noch einen machen. Aber ich muss eine gute Geschichte finden. Diese ist sehr speziell, weil es ein Film über Filme ist, ein Stummfilm über Stummfilme, Stille über Stille. Es liegt etwas sehr Ironisches darin. Es wird schwer eine andere Geschichte zu finden, die so gut funktioniert wie diese. Wenn ich eine finde, werde ich sie drehen. Aber die nächste wird es nicht sein. Als ich den ersten OSS machte, wollten die Leute eine Fortsetzung. Ich habe eine Fortsetzung gedreht, da es eine gute Sache schien und sie wollten noch eine. Nun wollen sie noch einen Stummfilm. Vielleicht mache ich eine Stummfilm-Fortsetzung von OSS 117. Ich mag Regisseure am liebsten, die gerne etwas auf andere Weise machen. Manche machen ständig das gleiche und alle ihre Filme sind wie ein großer Film. Andere gehen lieber in unterschiedliche Richtungen. Ich denke, ich gehöre zur zweiten Kategorie.

Beitragsbild © DCM Filmdistribution