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Sell-Out-Nostalgia: J.J. Abrams „Super 8“ tarnt Reaktionismus als Retro-Sentimentalität

Sell-Out-Nostalgia: J.J. Abrams „Super 8“ tarnt Reaktionismus als Retro-Sentimentalität

Sicherheit ist unser oberstes Ziel!, verkündet eine Fabrikanzeigetafel groß zu Beginn von Super 8. Aber schreckliche Unfälle geschehen trotzdem. Darum gibt es irgendwo in im Amerika des Jahres 1979, das so surreal makellos wirkt wie ein Wunschtraum der Fünfziger, eine liebende Mutter, aufrechte Bürgerin und fleißige Stahlarbeiterin weniger, und ein kleiner Junge sitzt traurig auf einer Schaukel, der keine Mami mehr Schwung gibt. Sicherheit ist auch J. J. Abrams oberstes Ziel und auch er fabrizierte einen schrecklichen filmischen Unfall.

Das Leben geht weiter, auch wenn Schlimmes passiert, lautet die übergreifende Botschaft der Steven-Spielberg-Produktion. Don ́t get me down fordert der Soundtrack nach einem abrupten Schnitt. Gleiches denkt sich auch der Junge namens Joe Lamb (Joel Courtney), den J. J. Abrams zur Identifikationsfigur für den männlichen Teil des Kinderpublikums auserkoren hat. Weil sich der Regisseur und Drehbuchautor mit dem glaubhaften Vermitteln von Emotionen schwer tut, verkünden die Empfindungen der Figuren Dialoge, die schwerer wiegen als der Stahlbalken, der Joes Mutter zermalmt hat. Statt sich davon den Sommer vermiesen zu lassen, hört der Held auf den Anfangssong und dreht im Kleinstadtidyll von Lillian mit vier Freunden einen Zombie-Amateurfilm auf dem titelgebenden Super 8.

Das kindliche Ensemble verkörpert prototypische Charaktere klischeehafter Jugendabenteuerfilme: Joe den Sensiblen, sein bester Freund Charles (Riley Griffith) den Dicken, Cary (Ryan Lee) den Pyromanen, Gabriel Basso den intellektuellen Brillenträger und Alice (Elle Fanning) das Mädchen. In einer bezeichnenden Szene wird der Dreh der Kinder wortwörtlich durch ein von gewaltigen Explosionen begleitetes Zugunglück gesprengt. Aus dem Jugendfilm wird ein Katastrophenfilm komplett mit Militär, wie dem skrupellosen Colonel Nelec (Noah Emmerich), daraus eine Alien- Invasions-Geschichte und Crash die Story in einen Abklatsch von E.T. . Produzent Steven Spielberg darf sich geschmeichelt fühlen.

Das nicht sonderlich komplizierte anfängliche Rätselraten kompensiert die zweite Filmhälfte durch ausführliche Erklärungen, damit auch ja nicht der leiseste Hauch von Mysterium bleibt. Seit 1958 sitzt ein außerirdisches Wesen auf der Erde fest. 1958? Das Jahr des Trinidad Island Ufos! Weil die fünf Protagonisten nicht die einzigen sind, die immer und überall eine Filmausrüstung im Handgepäck haben, kennt fast jeder dieses Fluggerät. Es ist jenes, das auf dem „I want to believe!„-Poster in Agent Mulders Büro, abgebildet ist. Jos Sheriff-Vater (Kyle Chandler) und Alices Trinker-Vater (Ron Eldard) hingegen will niemand glauben – höchstens die Falschen. Erster wird von Colonel Nelec unter Arrest gestellt, zweiter mit Pillen ruhiggestellt.

Ein Gesetzeshüter mit vagen Theorien über seltsame Vorgänge ist eben glaubhafter als ein Alkoholiker, der das aus Militärgefangenschaft entflohene Alien leibhaftig gesehen hat. Die Väter lernen, dass sie trotz der sozialen und moralischen Kluft, die verantwortungslose Arme von heldenhaften Mittelstandbürgern trennt, eine Gemeinsamkeit haben: ihre Kinder. Keine Panik, natürlich haben in der weißen heilen Spießer-Suburb-Szenerie Kinder nicht zwei Väter! Die Väter haben Kinder mit Frauen, die in der Handlung aber keine Rolle spielen. Es gibt ja schon ein Mädchen, nämlich Alice. In ES und The Goonies gab es auch nur das Mädchen und in Stand by Me gar keines.

Wenn Super 8 Gemeinsamkeiten mit den Vorbildern hat, dann sind es negative. Abrams berechnende cineastische Sentimentalität wirkt umso geschmackloser, da die nostalgischen Coming-of-Age-Filme um Abenteuer und Freundschaft ihm einzig zur Selbststilisierung dienen. Dabei ist die Zeit des verklärenden Kindheitskitsch sowieso vorüber, weil die Welt – zum Glück – nicht mehr naiv genug dafür ist. Doch Abrams scheint eingehüllt in einen Mikrokosmos selbstverliebten Reaktionismus und Copy-Cat-Konservativismus. Super 8 ist eine Hymne auf heuchlerische Familienwerte, bigotte kleinstädtische Mythen und manipulatives Melodrama. Eine Hymne auf nostalgische Coming-of-Age-Filme ist er nicht. Eher ein Tanz auf deren Grab.

  • OT: Super 8
  • Regie: J.J. Abrams
  • Drehbuch: J.J. Abrams
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 112 min.
  • Cast: Joel Courtney, Elle Fanning, Kyle Chandler, Gabriel Basso, Noah Emmerich, Ron Eldard, Riley Griffiths, Ryan Lee, Zach Mills, Amanda Michalka, Katie Lowe, Marko Sanchez, James Herbert
  • Kinostart: 21.07.2011
  • Beitragsbild © Paramount Pictures