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Season of the Witch: Hayao Miyazakis „Kikis kleiner Lieferservice“

Season of the Witch: Hayao Miyazakis „Kikis kleiner Lieferservice“

Aus Fantasie, Nostalgie und Melancholie zaubert Hayao Miyazaki eine Kindheitserzählung, die trotz aller märchenhaften Elemente das Erleben Heranwachsender bemerkenswert wahrhaftig abbildet. Die emotionalen Konflikte der Hauptfigur (Sprecherin: Minami Takayama) unterstreichen beiläufige Details und organische Allegorien. Schon während ihres Anflugs auf den Ort ihrer Hexenprobezeit überfällt Kiki eine Gewitterfront. Der raue Wind der Erwachsenenwelt weht ihr symbolisch entgegen. In dem pittoresken Küstenstädtchen voller frankophiler Anspielungen steht sie wirtschaftlich auf der untersten Stufe. Nicht nur ihr schlichtes Kleid und die übergroße Schleife wirken eine Nummer zu groß. Der harsche Berufsalltag und ihr nagendes Pflichtgefühl haben sie einem normalen Kinderalltag bereits entfremdet. Gegenüber besser situierten Gleichaltrigen spürt Kiki den Klassenunterschied, für den sie sich unterbewusst schämt.

Die Hexenkleidung ist zugleich ihr Arbeitskittel, den sie aus materieller Not nicht ablegen kann. In jeder Episode der lose auf Eiko Kadonos gleichnamigem Kinderbuch basierenden Handlung muss die Protagonistin ihre Persönlichkeit gegen die Nivellierung durch ihren sozialen Status behaupten. Die Selbstgeringschätzung der nach außen hin resoluten Heldin forciert deren Uneigennützigkeit, die praktisch keine Grenzen kennt und somit buchstäblich ungesund wird. Kiki isst Billigessen und überlässt ihren Proviant Kater Jiji (Rei Sakuma). Statt auf die Party ihres neuen Freundes Tombo (Kappei Yamaguchi) fliegt sie zur Arbeit. Sie arbeitet bei Dunkelheit, Wind und Wetter, ohne Bezahlung, arbeitet wortwörtlich bis zum Umfallen. Die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Verpflichtung, Wunsch und Wirklichkeit zermürben sie langsam, aber stetig.

Einzig Jiji artikuliert die Bedürfnisse, die sie sich nicht zugesteht: Furcht, Müdigkeit, Erschöpfung, Frustration und Einsamkeit. Dass die junge Hexe ihn schließlich nicht mehr versteht, zeigt die aus permanenter Überlastung resultierende psychische und physische Abstumpfung. Ihre Hexenkraft schwindet mit ihrer kindlichen Freude. Der differenzierte Plot ist der Gegenentwurf altbackener Moralstücke, die besonders Mädchen Fleiß, Nettigkeit und Aufopferung als Tugenden vorhalten. Im Kontrast dazu steht Miyazakis Protagonistin zu fest auf dem Boden der Tatsachen. Als sie dennoch die erdrückende Last aus Unsicherheit und Anpassung abschüttelt, dann nicht nur, um Tombo zu retten, sondern sich selbst. Mit seiner fröhlichen Unternehmungslust repräsentiert Tombo, was Kiki fehlt: Kindsein. Dessen flüchtiger Zauber ist auch der des wunderbaren Leinwandmärchens.

Die von leisem Ernst getragene Humoreske birgt unter der unbeschwerten Oberfläche ernsthafte Motive von altersloser Relevanz. Das Vordergründige ist der beständige Leistungsanspruch einer Gesellschaft, die Selbstrücksichtnahme als Schwäche wertet und Erholung als Faulheit. Nachdenklich schimmert die farbenprächtige Zeichentrick-Welt, in der die junge Heldin zu früh erwachsen werden soll. Ihr Ringen mit äußeren und inneren Widerständen ist zugleich mitreißendes Abenteuer und feinsinnige Parabel über den Wert und unmerklichen Verlust von Lebensfreude.

  • OT: Majo no Takkyubin
  • Regie: Hayao Miyazaki
  • Drehbuch: Hayao Miyazaki
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 1989
  • Laufzeit: 103 min.
  • Cast: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Sho Saito, Keiko Toda, Mieko Nobusawa, Haruko Kato, Hiroko Seki, Yuriko Fuchizaki
  • Beitragsbild © Universum