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Rainbow Nation Ruined: Berlinale Kritik zu „High Fantasy“

Rainbow Nation Ruined: Berlinale Kritik zu „High Fantasy“

Body politics werden zur greifbaren Herausforderung für die vier Protagonisten, die Jenna Bass in ihrem zweiten Spielfilm auf einen Trip im doppelten Sinne schickt. Lexi (Francesca Varrie Michel), Xoli (Qondiswa James), Tatiana (Liza Scholtz) und Thami (Nala Khumalo) sitzen im Auto unterwegs zur Farm von Lexis Familie. Dass der Kurzausflug keine Entspannungstour wird, ist schon auf der Hinfahrt überdeutlich. Die Stimmung zwischen den jungen Erwachsenen, deren vorbelastete Beziehungen sich während der knappen Laufzeit nie konkretisieren, vibriert vor kaum unterdrückter rassistischer, sozialpolitischer und sexueller Spannung. Die Atmosphäre ist untypisch aggressiv und obskur für die erzählerische Prämisse. Alles schon x-mal da gewesen? Nicht in der organischen Form, in der die Filmemacherin die kollektive Identitätskrise mit dem Handy einfängt.

Der zeitlich und räumlich stark begrenzte Aktionsrahmen lenkt den Fokus auf das Selbstempfinden. Der Charaktere. Auf abgegriffene Gags vom Umgang mit einem Körper des anderen Geschlechts verschwendet die intuitive Erkundung der omnipräsenten Gesellschaftskonstrukte nur ein paar Sekunden. Der entscheidende Konflikt der Figuren liegt weniger darin, in wessen Haut sie stecken, als in welcher. Schon vor dem unerklärlichen mentalen Stuhltanz kristallisiert die sozialpolitische Positionierung als zentraler Problematik heraus. Gefragt nach ihren Gefühlen beim Blick über die weite Landschaft am Rande Kapstadts offenbart jede der Figuren ihr Ringen mit dem familiären und kulturellen Erbe. Entscheidungen der Eltern- und Großeltern definieren das Selbstverständnis der Gruppenmitglieder, deren interne Differenzen die fortbestehenden Ressentiments ihrer Gesellschaftsklassen spiegeln.

Lexi plagen Schuldgefühle für den gesetzlich sanktionierten Landraub ihrer Eltern. Eine mit der Farm übernommene Verantwortung, die ihr die politische Aktivistin Xoli unbarmherzig vorhält. Der seine Macho-Allüren pflegende Thami ist zerrissen zwischen patriarchalischen Rollenbildern, deren wachsender öffentlichen Kritik dieses verinnerlichten Konzepts und seinen versteckten Emotionen. Mit improvisierten Dialogen und Einzelinterviews hinterfragt Bass die (Un)Möglichkeit einer Abgrenzung der jungen Generation vom kolonialpolitischen Ballast. Nelson Mandelas Rainbow Nation ist für die desillusionierte Jugend ein geplatzter Traum: Bullshit, in Thamis Worten oder mit dem optimistischeren Ansatz des Filmtitels: High Fantasy. Um diese Realität zu machen, bräuchte es noch viele Erfahrungen wie die der Figuren, die ihre Befangenheit zwar nicht Überwinden, aber immerhin begreifen.

Dynamisch, laut und impulsiv entfaltet sich die mit dem iPhone gedrehte Skizze einer zornigen Jugend auf der Suche nach persönlicher und politischer Authentizität. Die großteils aus dem Moment heraus entwickelten Charaktere und Dialoge sträuben sich gegen eine oberflächliche Identifikation. Doch gerade diese Ruppigkeit verleiht ihre Konfrontationen eine Glaubwürdigkeit, die im Jugendfilm rar ist. Statt glatter Bilder und vorgezeichneter Lösungswege interessiert sich die Fantasy-Comedy für echte Menschen und reale Konflikte.

  • OT: High Fantasy
  • Regie: Jenna Bass
  • Drehbuch: Jenna Bass, Qondiswa James, Nala Khumalo, Francesca Varrie Michel, Loren Loubser, Liza Scholtz
  • Produktionsland: Südafrika
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 74 min.
  • Cast: Qondiswa James, Nala Khumalo, Francesca Varrie Michel, Loren Loubser, Liza Scholtz
  • Beitragsbild © Berlinale
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