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„Mit diesem Film habe ich ein Familientabu gebrochen“ – Interview mit Michel Leclerc zu „Der Name der Leute“

„Mit diesem Film habe ich ein Familientabu gebrochen“ – Interview mit Michel Leclerc zu „Der Name der Leute“

Das Leben ist ein Komödie, die man bitter ernst nehmen muss. Michel Leclerc könnte ein Lied darüber singen. Stattdessen drehte er einen Film: Der Name der Leute überzeugte mit Romantik und Witz die Kritiker und das französische Publikum. Seine geistreiche Liebeskomödie spickten der französische Regisseur und Drehbuchautor und seine Partnerin Baya Kasmi mit biografischen Details. Im Interview verrät Michel Leclerc, wie viel der Film über sein Leben verrät und was Namen heute in Frankreichs Gesellschaft bedeuten.

Wie häufig kommt Ihr Name im Französischen vor?

Genau habe ich das bisher nicht recherchiert. Wenn ich mich google, finde ich sehr viele mit dem Namen Michel Leclerc. Die einzige Freude, die ich daran habe, ist, dass ich unter ihnen langsam steige.

Glauben Sie, Namen werden in der Gesellschaft überbewertet?

Ich kann das nur für die französische Gesellschaft beantworten. Noch vor fünfzig Jahren war es so, dass der Name eine präzise Vorstellung davon gegeben hat, woher man kommt und wer man ist. Das heißt, wenn du einen Namen hattest, der klar maghrebinisch war, kamst du aus dem Maghreb. Das gilt auch für moslemische Namen oder dergleichen. Aber nun hat sich in der französischen Gesellschaft in den vergangenen Generationen vieles vermischt und verschoben. Und die Leute heiraten weniger. Ein französischer Namen, zum Beispiel mein Name Michel Leclerc, verdeutlicht nicht mehr, dass ich doch auch andere Wurzeln habe. Andererseits kann ein sehr exotisch klingender Name völlig verstecken, dass man vielleicht seit vier oder fünf Generationen in Frankreich lebt und mit dem Ursprung dieses Namens keine Verbindung mehr hat.

Empfinden Sie es als eine gute Entwicklung, dass Namen heute weniger mit der Herkunft zu tun haben?

Positiv ist es nur, wenn es einem auch bewusst ist. Es ist heute immer noch so, dass bei Einstellungsgesprächen der Name nach wie vor durchaus maßgeblich ist.

Manche vertreten die Ansicht, in den 60ern und 70ern hätte es eine Generation gegeben, die Religion und Nationalitäten weniger Gewicht beimaß, und, dass die Leute sich heute wieder stärker auf Religion und ihre Wurzeln besinnen.

Bahia ist typisch für eine Person aus den siebziger Jahren. Sie ist Idealistin. Aber man darf nicht vergessen, dass es in den Siebzigern andere Konfrontationen gab. Man war beispielsweise antikommunistisch oder sehr antifaschistisch eingestellt. Diese beiden Themen, diese beiden großen Gemeinden gibt es heute so nicht mehr. Es gibt andere Konflikte: heutzutage hat das ganze mehr mit Religion zu tun. Was uns wichtig war bei diesem Film, war, über all jene zu reden, die sich nicht wiedererkennen in diesen Strukturen. Diese Gruppe, diese so genannten Bastarde, sieht man eben nicht in Fernsehshows, weil sie genau das ablehnen: die Repräsentanten für eine bestimmte Gruppe zu sein. Aber es gibt sie. Und deswegen wollten wir über sie auch einen Film machen.

Diese Menschen sind womöglich die Mehrheit.

Die Mehrheit – aber eine unsichtbare.

Namen symbolisieren in Ihrem Film auch was die Protagonisten glauben, sein zu müssen oder nicht sein zu dürfen. Wie bedeutend ist die Auseinandersetzung mit der Familienbiografie, nicht allein auf den Namen bezogen?

Meine Co-Szenaristin und Partnerin Baya Kasmi und ich haben versucht, unsere eigenen Namen und unsere eigenen Geschichten zu untersuchen. Man hat mir bevor ich diesen Film gedreht habe niemals die Frage gestellt „Woher kommst du? Was sind deine Wurzeln?“ Bei einem exotischeren Namen wie Baya Kasmi ist es so, dass Baya manchmal mehrere Male am Tag ihre Familiengeschichte erzählen muss. So haben wir beide aufgrund unserer Namen ein anderes Verhältnis dazu zu sagen, woher wir kommen. Für mich ist es nach wie vor ungewohnt und für sie ist es eine Gewohnheitssache.

Wie wichtig war es für Sie, sich über diesen Film mit Ihrer Familienbiografie auseinanderzusetzen?

Es gibt im Film diese Szene, wo Arthur Martin Jugendlicher ist und feststellt, dass er Mädchen anmachen kann, wenn er darüber erzählt, dass seine Großeltern in Auschwitz vergast wurden. Mir geht es jetzt manchmal auch ein wenig so: Wenn ich über diesen Film mit Journalisten rede, mache ich die Journalisten damit an. Damit meine ich, dass ich mit diesem Film ein Familientabu angesprochen habe. Es geht um die Deportation meiner eigenen Großeltern. Meine Mutter redet immer noch nicht darüber und hat nie darüber geredet. Dann ist dieser Film auch noch ein unglaublicher Erfolg geworden. Das verunsichert mich manchmal. Aber wenn man dir als Kind sagt „Darüber darfst du nicht reden“, hast du nur zu einem Lust: darüber zu reden. Dieses Kind bin ich immer noch.

Sie kommentieren die gegenwärtige Politik sehr pointiert. Welche Dinge sollten heute in Frankreich beim Namen genannt werden?

Das ist sehr kompliziert. Die Grundfrage heutzutage ist in Frankreich, was es bedeutet Franzose zu sein. Berufen wir uns auf die Grundsätze der Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Oder stehen wir in der Tradition von Marschall Petain?

Beitragsbild © X-Verleih