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„Man muss für seine Rechte kämpfen“ – Interview mit Göran Hugo Olsson zu „The Black Power Mixtape 1967-1975“ – Part II

„Man muss für seine Rechte kämpfen“ – Interview mit Göran Hugo Olsson zu „The Black Power Mixtape 1967-1975“ – Part II

Es war beinahe wie die Auffindung eines kostbaren Schatzes aus der Vergangenheit. Beim Stöbern in einem Archiv fand der schwedische Regisseur Göran Hugo Olsson Material aus den stürmischen Jahren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und entschloss sich, daraus einen Film über die entscheidenden Jahre zu montieren. The Black Power Mixtape 1967-1975 war seitdem auf zahlreichen Festivals wie der Berlinale 2011 zu sehen. Zum Kinostart sprach der Regisseur über das Erbe der Bewegung und seine neuen Pläne.

Wie bist Du an das Archivmaterial gekommen?

Bei der Arbeit an einem anderen Film in Amerika suchte ich in einem Archiv und fand dieses Material. Und ich erkannte sofort den Film darin.

Die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung ist eine bislang unerzählte.

Ein interessantes Thema in Amerika ist jetzt, warum nicht schon zuvor ein Film wie dieser gemacht wurde. Die Protagonisten sind nicht nur für die afroamerikanische Gemeinde wichtig. Sie erzählen uns, dass man nicht herumsitzen darf und warten, dass jemand einem Rechte garantiert. Man muss selbst für seine Rechte aufstehen und wenn das nicht genügt, für seine Rechte kämpfen. Das ist das Erbe dieser Bewegung. Ein weiteres Erbe ist die Rap-Musik. Ohne dieses Bewegung kann man sich Rap nicht vorstellen.

Zynischerweise werden viele Bürgerrechtler weiterhin als Extremisten betrachtet. Martin Luther King ist unantastbar, anders etwa als Malcolm X.

Das ist kein Zufall. Mainstream-Amerika will es so. Der Black Panther Party ging es nicht um Gewalt. Nichts gegen Dr. King, aber die Crux ist, dass man, indem man ihn zu Heiligen stilisiert, die anderen als gewalttätig darstellt. Wenn Gewaltlosigkeit nutzlos ist und man etwas anderes tut, ist das nicht automatisch Gewalt. Die Medien, Streiks, Demonstrationen zu nutzen ist eine andere Methode, aber nicht gewalttätig. Da eine Methode „Gewaltlosigkeit“ heißt, werden alle anderen als Gewalt betrachtet.

Vergleicht man Gegenwart und Vergangenheit, hat sich nicht Martin Luther Kings Traum erfüllt, sondern Malcolm X Alptraum: Schwarze werden weiterhin diskriminiert und sind unterprivilegiert.

Das Traurige ist, dass wir akzeptieren, dass Marktökonomie von einem selbst abhängt. Sieht man jemanden bei McDonalds arbeiten, denkt man, es sei dessen Schuld. Diese Sache zeigt sich auf vielerlei Weise. Es hat mit Furcht zu tun, mit Konsum und Gier, der Angst, dass wir nicht genug haben und Angst, zu verlieren, was wir haben. Die Gesellschaft basiert auf diesen Ängsten.

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Die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung scheinen sich in Obamas Präsidentschaft erfüllt zu haben – was trügerisch ist.

Das denke ich auch. Es ist großartig, dass er an die Macht gekommen ist, aber er ist nicht afroamerikanisch. Sein Vater war ein Immigrant aus Kenia. Das Traurige an Obama ist, dass er ein schwacher Präsident ist. Bush redete nicht, keine Diskussion. Hat man einen Präsidenten, der nachdenkt und diskutiert, klappt das in Amerika nicht so gut. Es ist ein Meilenstein im alltäglichen Leben der Bevölkerung, aber es ändert den Rassismus nicht.

Wie reagieren Bürgerrechtler auf Deinen Film?

Aktive Leute, beispielsweise aus der Black Panther Party, lieben ihn. Bürgerrechtler, die nicht darin auftauchen, werben jetzt in Amerika für den Film.

Gab es ein essentielles Statement zur Diskriminierung und den Kampf dagegen?

Als Angela Davis die Dynamik von Gewalt in Amerika erklären sollte, sagte sie: „Dass jemand eine Frage über Gewalt in Amerika stellt, zeigt, dass er keine Vorstellung davon hat, wie gewalttätig Amerika zu Schwarzen ist.“

Was sind Deine Ideen für zukünftige Projekte?

Ich habe den Eindruck, dass die Welt, in der wir leben, stark durch den Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Humanismus Halt gewonnen. Soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Vielfalt, der Kampf gegen Faschismus, der Glaube, dass alle Menschen gleich sind: Wir fangen an, das zu verlieren. Wir haben kein Problem damit, dass Leute in China in Konzentrationslagern sind.

Interessant, dass Du das sagst. Vor kurzem forderte Angela Merkel im Radio „Deutschpflicht an Schulen“, die beispielsweise türkischstämmigen Schülern verbieten würde, ihre eigene Sprache zu sprechen. So was kann man im Radio sagen und niemand ist irritiert.

Das ist so … (Pause, ringt nach Worten) … Leuten zu verbieten, kein Deutsch zu sprechen ist derart … (Pause) … absolut unnötig.

Dazu „Deutschgarantieklassen“, die Schüler mit Deutschproblemen ausschließen – unterprivilegierte Kinder und solche mit ausländischem Hintergrund. Es ist eine neue Form der Trennung.

Man sollte vorsichtig damit sein, das heutige Deutschland mit dem der Dreißiger zu vergleichen, aber in diesem Fall ist es naheliegend.

Es ist bisher aber nur eine Forderung …

Das ist gleichgültig. Dass sie es wagt, das im Radio zu fordern, zählt. Eines muss ich sagen, wo ich hier in Deutschland bin: Wir sind so herablassend gegenüber Ostdeutschland, den osteuropäischen Staaten, Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion. Aber die Bevölkerung dort war nicht geistesschwach. Manchmal wird einem aber heute dieser Eindruck vermittelt. Heute sehen wir nur die Stasi. Das ist unfair. Wir alle scheinen uns einig, dass das hier eine gute Welt ist. Man hat all die Geschäfte, diese Haltung „Mach dein eigenes Glück“ und so weiter. Aber so einfach ist es nicht. Vielleicht werde ich einen Film über das Erleben des Zweiten Weltkriegs machen, wo Faschismus die Welt bedroht. Der Widerstand gegen diese Art von Denken verschwindet, denke ich.

Beitragsbild © Mouna