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Hyperactive, self-absorbed knock-off „That Sugar Film“ sugarcoats dairy & meat consumption

Hyperactive, self-absorbed knock-off „That Sugar Film“ sugarcoats dairy & meat consumption

Für die Lebensmittelindustrie ist er weißes Gold, für David Gameau süßes Gift: Zucker führt in zu großen Mengen zu Diabetes, Schlaganfall und macht hyperaktiv. Besonders letztes demonstriert der australische Schauspieler und Regisseur mit seinem Gonzojournalismus. Für 60 Tage steigert er seinen Tageskonsum auf 40 Löffel, die Durchschnittsmenge seiner Landsleute. Entsprechend aufgedreht, grellbunt und partiell hirnrissig ist die selbstverliebte Doku. 

Die dreht sich vor allem um die Alltagsabenteuer des Protagonisten, der bei seinem Experiment eine Reihe brisanter Themen streift: irreführende Werbung, vertuschte Gesundheitsschäden, Lobbyismus der Lebensmittelindustrie. Zucker ist omnipräsent und verbirgt sich oft in angeblich gesunden, fettarm Produkten. Auf letzte stellt Gameaus seine Ernährung um, was den interessanteren Aspekt der Doku ausmacht. Übergewicht, schlechte Blutwerte und eine Fettleber bekommt er von Frucht-Smoothies, Cornflakes und isotonischen Getränken – den vermeintlich besseren Alternativen zum Schokoriegel. Ein als Comic-Superhelden animiertes Team von Ernährungsberater_innen und Mediziner_innen überwacht, wie aus Gameaus durchschnittlich gesundem Körper ein kranker wird. Sugarize Me, nach dem Erfolgskonzept Morgan Spurlocks, der sich vor gut zehn Jahren in Supersize Me zum Fast-Food-Versuchskaninchen machte. Maßgeblicher Grund für diese dreiste Nachahmung waren wohl die Supersize-Einnahmen eines der gewinnträchtigsten Dokumentarfilme aller Zeiten. Dorthin schaffen könnte es auch Gameaus hektischer Crashkurse über den menschlichen Körper und verlogene Botschaften der Großkonzerne. That Sugar Film ist der bisher erfolgreichste australische Dokumentarfilm. Angesichts der wichtigen Thematik wäre das eigentlich ein Grund zur Freude. 

Doch der gut 100-minütige Zucker-Trip ist vor allem ein Ego-Trip des Hauptdarstellers und dabei ebenso oberflächlich und kalkuliert wie die persiflierten Werbeclips von Coca Cola & Co. Laut Gameau richtet sich sein Film an Zuschauer, die sonst nie Dokumentationen schauen. Also setzte er auf Popmusik, jede Menge lustige Animationen mit Stars wie Hugh Jackman und Stephen Fry und reichlich Albernheiten. Die sozialen Auswirkungen der global rasant zunehmenden Zuckersucht, etwa auf Australiens indigene Bevölkerung oder die US-Unterschicht, werden lediglich für sentimentale Effekte oder Zahnarzt-Gruselszenen ausgebeutet. Die perfiden Strategien der Konzerne, die erkaufte Komplizenschaft von Ärzten und Forschern, das Versagen der Gesundheitsbehörden – all dies kommt nur marginal oder gar nicht zur Sprache. An der Aufklärung des Publikums scheint Gameau wenig interessiert, noch weniger an fundierter Recherche. So bezeichnet er Fisch, Fleisch und Eier als Quellen für „gesunde Fette“ und empfiehlt zum Frühstück Ham & Eggs. Ein Info-Clip suggeriert, dass Milchzucker aus Kuhmilch für Menschen (außer bei Laktose-Intoleranz) gut sei. Während That Sugar Film ein Komplott der Nahrungsmittelindustrie aufdecken will, spielt er anderen in die Hand: nämlich denen der Milchindustrie und Tierprodukte-Fabrikanten, die behaupten, wir bräuchten dringend mehr tierisches Protein. 

Hier liegt womöglich die Antwort auf die Frage eines von Coca Cola gesponserten Forschers verborgen: „Wenn wir den Zucker eliminieren, was würden die Leute tun, um das Gefühl zu kriegen, das Zucker ihnen gibt?“ Vermutlich in die nächste Falle der Nahrungsmittelindustrie tappen und stattdessen noch mehr Hühnchen, Lachs und Eier verdrücken. Denn der Zucker-Hype auch Backlash der Fett-Panik vergangener Jahrzehnte. Solche Zusammenhänge beleuchtet Gameaus knalliger Selbstbericht bestenfalls unzureichend. Am besten betrachtet man ihn daher wie eine Ernährungsberaterin den Titelschurken: „Zucker ist nicht böse. Aber das Leben ist so viel besser, wenn man darauf verzichtet.

  • OT: That Sugar Film
  • Regie: Damon Gameau
  • Drehbuch: Damon Gameau
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2014 
  • Laufzeit: 90 min. 
  • Cast: Stephen Fry, Damon Gameau, Isabel Lucas, Jessica Marais, Brenton Thwaites, Zoe Tuckwell-Smith
  • Kinostart: 29.10.2015
  • Beitragsbild © Universum
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