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„Heute sind wir alle Spione“ – Interview mit Gary Oldman

„Heute sind wir alle Spione“ – Interview mit Gary Oldman

In Tomas Alfredsons Tinker Tailor Soldier Spy verkörpert der britische Schauspieler einen Spion der Zeit des Kalten Krieges. Unmittelbar nachdem der Regisseur den Raum verlassen hatte, verriet Oldman seine Erkenntnisse über Spitzel, Schurken(Rollen) und Romanautor John le Carré, der sie alle zu Papier brachte.

(Zeigt auf Tomas Alfredsons Tasse) Die Tasse verrät: Es war ein doppelter Espresso mit aufgeschäumter Milch.

Die Spionagekenntnisse hast Du offensichtlich behalten.

Sherlock Holmes.

Vor Drehstart sagtest Du dem Produzenten, Du schaffst das nicht.

Ich hatte das Gefühl, dass der Drachen, den ich bezwingen musste, Alec Guinness war, der die Rolle ´79 in der Fernsehserie spielte. Er hatte einen Berg zu bewältigen und den Gipfel erreicht. Daher fühlte ich einen Moment Panik. Mein Manager sagte, als ich ihn fragte: Was machst du normalerweise in Situationen, wo das passiert? Es ist nie zuvor passiert. Ich weiß es nicht. Aber ich bin durchs Feuer gegangen.

Wie hast Du das angestellt?

Nun, es gab keinen Ausweg. Also musste ich dagegen ankämpfen. Sie hätten mich ja nicht einfach nach Hause gehen lassen. Ich schätze, ich habe es quasi mit einem Trick gemacht. In gewisser Weise ist Smiley ein literarischer Klassiker. Er ist als Figur eine Ikone. Wenn man Hamlet oder König Lear spielt, muss man damit gegen all die Leute ankommen, die diese Rollen vorher gespielt haben. Also dachte ich, ich betrachte es einfach als eine andere Interpretation. Damit konnte ich mich selbst behandeln. Sobald ich am ersten Tag dort war, war es angenehm. Ich hatte das Gefühl, ja, ich weiß, wie ich das mache. Außerdem hatte ich lange Zeit keinen Hauptcharakter mehr gespielt: seit 15 Jahren. Vielleicht hatte ich ein wenig Lampenfieber.

Hat der Kalte Krieg bessere Spionage-Stories geliefert als die Gegenwart?

Damals: ja. Das Spiel hat sich verändert. Heute sind wir alle Spione. Wir nehmen Sachen auf, filmen Leute, hacken uns in Computer ein, besorgen Informationen. Das Internet, Cyberspace und all das muss die Welt der Spionage verändert haben. Es gibt immer noch Dinge, von denen wir nicht wissen, dass sie sich abspielen. Die Paranoia breitet sich schneller aus und erreicht mehr Orte – (schnippt) augenblicklich. Damals waren es diese Männer in mittleren Jahren, die in Tweed gekleidet, Tee trinkend und rauchend, unser Schicksal diskutierten. Sie waren die, die paranoid waren. Wir können das der Bevölkerung nicht sagen. Wir können das nicht veröffentlichen. Es würde Chaos herrschen!“ Jetzt bekommen wir alle eine Kostprobe davon. Korruption und Folter ereignen sich und dein Kollege fotografiert es und schickt es an TMC. Ich denke, es ist interessant, sich diese Relative in der jüngsten Geschichte zu betrachten.

In der Szene mit der russischen Nationalhymne scheint eine Art Hass-Liebe zu herrschen.

Das stand nicht im Buch. Tomas wollte eine Szene, wo er uns alle unter einem Dach sah, als Genossen sozusagen. Er ging zu le Carre und sagte: Wäre es realistisch, dass sie eine Weihnachtsfeier hätten? Le Carre sagte: Scheiße, ja, wir hatten Weihnachtsfeiern. Es gab eine, als die Polizei gerufen wurde, weil die Spione Flaschen aus den Fenstern warfen und die Nachbarn die Polizei holten. Die tauchte auf und sagte: Könnten Sie den Lärm beenden? Und er sagte, wenn ihr so etwas wie ein Lenin-Zentrum gehabt hättet, hättet ihr alle die russische Nationalhymne gesungen? Le Carre sagte: auf jeden Fall. Wir hätten russisch gesprochen. Das war eine Szene, die Tomas als ein Leitmotiv wollte. Emotional kann man sie ausgezeichnet ausschöpfen. Darum, glaube ich, bewundert Tomas die Vorlage so sehr: Le Carres wegen. Es ist nicht allein das Buch, es ist der Geist des Buchs.

Le Carre scheint die Cameo, wo er die russische Nationalhymne singt, viel Spaß zu machen.

Er hatte Spaß, aber er ist furchtbar beim Playback singen.

Du bist für Deine Schurkenrollen berühmt. Wolltest Du je den romantischen oder witzigen Helden spielen?

Man ist dem ausgeliefert, was die Industrie macht, und letztendlich auch dem Vorstellungsvermögen der Leute, die einen casten. Wenn man jemanden hat, der sagt: Er kann keine Komödien spielen oder kann jenes nicht, ist man dem ausgeliefert. Es braucht jemanden wie Chris Nolan, der sagt, ich besetze ihn nicht als den Bösen, sondern als den Guten oder einen Tomas Alfredson. Ich würde gerne, aber ich bin nicht wirklich der Typ für romantische Hauptrollen.

Vielleicht für eine Kopffrau wie in „The Iron Lady“.

Wenn man sich eine Frau vorstellt, die so viel erreicht hat, und dann den ganzen Film darüber macht, wie sie Single ist, ist das ein bisschen traurig. Es hätten zehn Minuten am Ende sein sollen.

Bewunderst Du sie?

Ja. Ich stimme sicher nicht immer mit ihrer Politik überein oder dem, was sie getan hat, aber ich denke, zu überleben, dorthin zu kommen, wohin sie gekommen ist, an einem Ort, der durchgehend eine Männerdomäne ist, ist etwas an ein Wunder grenzendes. Ich hege große Bewunderung für sie. Ich habe sie einmal getroffen. Es war nur bei einer öffentlichen Veranstaltung, aber sie ist ziemlich charismatisch. (Imitiert Meryl Streep) „An dieser Stelle werde ich Sie nun verlassen.

Beitragsbild © StudioCanal