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Hayao Miyazakis Traum vom Fliegen in der lyrischen Bio-Fiktion „The Wind Rises“

Hayao Miyazakis Traum vom Fliegen in der lyrischen Bio-Fiktion „The Wind Rises“


When sunlight rests upon a profound sea,

Time’s air is sparkling, dream is certainty

Paul Valery, Graveyard by the Sea

… heißt es in Paul Valerys Gedicht Graveyard by the Sea, das Hayao Miyazakis lyrischem Animationsdrama seinen Namen gab. Im zugleich pragmatischen und unbeugsamen „Wie der Wind sich hebt … Wir müssen versuchen zu leben!“ der letzten Strophe oszilliert der zentrale Konflikt der zeichnerisch grandiosen Filmbiografie: individuelles Streben nach Selbstverwirklichung im Angesicht eigener Machtlosigkeit gegen den Lauf von Geschichte und Natur.

Wenn auf den von Sehnsucht und schmerzlicher Reminiszenz umwölkten Bildern, deren Plastizität Dioramen gleichkommt, das Sonnenlicht auf dem unergründlichen Himmelsmeer verweilt und ein lichter Augenblick erstrahlt, ist Traum Gewissheit. Gerade so wie Paul Valery es schreibt. In der berührenden Historienstunde ist es der Traum von Flugzeugen als grandiosen Wolkenakrobaten. In den ersten Minuten zwischen Realität und Phantasie trägt ein solcher Hauptcharakter und Zuschauer ins Japan von 1918. Der japanische Junge, wie ihn in einer anderen Vision Luftfahrtpionier Caproni (Nomura Mansai) ruft, ist Jiro Horikoshi (Hideaki Anno). Aus dem kurzsichtigen Schüler mit außergewöhnlicher Begabung auf dem Gebiet der Aerodynamik wird der führende Flugzeugkonstrukteur der zukünftigen Mitsubishi Heavy Industries. „Flugzeuge sind ein schöner Traum. Ingenieure geben diesem Traum eine Form“, sinniert Caproni. Doch die Schattenseite ist Jiros Alpdruck von Luftmaschinen als stählernen Kampfkolossen, bemannt mit dämonischen Bomben.

Wunsch- und die Angstvision sind unabwendbare Fakten der prophetischen Bilder. Der stets gedankenvolle Visionär will der Last irdischen Daseins entfliehen, als hätten wie in Porco Rosso die Gesetze von Zeit und Vergänglichkeit über den Wolken keine Macht. Unbeschwertheit ist flüchtig in jener unsicheren Ära zwischen zwei Weltkriegen, wo der Schrecken des Großen Kanto-Erdbebens von 1925 auf das Grauen der Atombombe verweist, und Jiros junge Frau Naoko (Miori Takimoto) an Tuberkulose sterben muss. „Das Leben ist schön, nicht wahr?“, lacht sie einmal und Jiro kann nur zustimmen. Das Leben ist schön – für einen Augenblick, in dem man einen davon flatternden Hut fängt, nach einem Schauer einen Regenbogen erblickt oder zu Klaviermusik mit einer aus Thomas Manns Zauberberg herbeizitierten Gestalt einen Schlager singt: „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder. Das ist vielleicht nur Träumerei.“ Möglich ist es auf Jiros eigenem Zauberberg im Kurhotel, wo er während seiner Weltreise Naoko wiedersieht. 

Der unausweichliche Abstieg führt auf den Boden der Tatsachen. „Männer sollten ihre Arbeit tun“, sagt Naokos Vater. Die Handlung mäandert um dergleichen Ambivalenz von Pflichtgefühl, persönlicher und politischer Überzeugung, Wunsch und Wirklichkeit, welche den tragischen Hauptcharakter plagt. Er macht seine Arbeit, baut die gefürchtete A6M Zero. Das einschränkende Gewicht der Waffen wird zur schlichten prägnanten Metapher für den aggressiven Ballast, der den menschlichen Geist zu Boden drückt. „Ein Flugzeug ist ein schöner Traum. Ein schlimmer Traum“, sagt Caproni. Und jeder Ehrgeiz ist zweischneidig. Das wunderschöne Ideal zerstiebt in einem Windhauch, der persönlichen Verlust zum Omen allumfassenden Verlustes macht. Der Wind geht über das Blatt in der Weltgeschichte achtlos hinweg. Nur der Zauber der Filmerzählung bleibt und ein Hauch stiller Melancholie. 

  • OT: Kaze Tachinu
  • Regie: Hayao Miyazaki
  • Drehbuch: Hayao Miyazaki
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 126 min.
  • Cast: Hideaki Anno, Miori Takimoto, Hidetoshi Nishijima, Jun Kunimura, Keiko Takeshita, Stephen Alpert, Mansai Nomura, Masahiko Nishimura, Mirai Jita, Morio Kazama, Shinobu Otake
  • Kinostart: 17.07.2014
  • Beitragsbild © Universum
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