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Hayao Miyazakis „Howl’s Moving Castle – Das Wandelnde Schloss“

Hayao Miyazakis „Howl’s Moving Castle – Das Wandelnde Schloss“

Das Titelgebilde von Hayao Miyazakis schöpferischer Steampunk-Traumreise ist eine Phantasmagorie, die gleich den Protagonisten beständig Verwandlungen unterzogen ist. Es ist ein organisches Ungetüm, Baba Yagas Hütte und Wolkenpalast, dessen zaubermächtiger Herrscher Howl (Takuya Kimur) tatsächlich selbst ein Verzauberter ist. Das verwirrende Geflecht aus Fluch und Bann, das die Figuren ihrer ursprünglichen Gestalt beraubt, an Orte bindet oder verbannt, ist eine verspielte Metapher für den korrumpierenden Einfluss der Kriegswirren. Letzte überschattet die fiktionale Filmepoche zwischen Romantik und Industriezeitalter, in der die junge Sophie (Chieko Baishō) ihr Selbst bewahren und erkämpfen muss. Der Verlust der natürlichen Gestalt symbolisiert den der Menschlichkeit im Zentrum der pazifistischen Parabel.

Der absurde Konflikt, dessen Parteien durch jeweils einen der Charaktere vertreten werden, zieht eine bedrückende Parallele zum Ersten Weltkrieg. Während Militärfanfaren zum Gefecht rufen und Flugvehikel den strahlenden Himmel verdüstern, tanzt die Elite Walzer auf dem Vulkan. Vor dem Hintergrund eines von aberwitzigen Irrtümern und Egomanie befeuerten Machtkampfs entwickelt die Gewissenhaftigkeit der Heldin eine neue Dimension. Anders als die Hexe (Akihiro Miwa), die Sophie aufgrund einer Verwechslung in eine Greisin verzaubert, und der gegen Sophies Heimatland marschierende König (Akio Ōtsuka) erkennt sie sich und alle anderen als Teil eines zersplitterten Ganzen. Ihr strategischer Ansatz steht im Kontrast zu Howls klandestinem Kampf an allen Fronten.

Verschachtelte Settings, besonders das schnaufende Wohnvehikel des draufgängerischen Zauberers, spiegeln die vertrackten Interessenkonflikte der Figuren, unter denen die scheinbar Mächtigsten die Verwundbarsten sind. Metamorphosen verformen, verzerren und verbinden alles in und um das (ver)wandelnde Schloss. Auch Diana Wynne Jones‘ Kinderbuch unterläuft einer essenziellen Transformation. Howl, in der Vorlage ein verantwortungsloser Pflichtverweigerer, ist im Animé ein Pazifist, der seine Fähigkeiten nicht für militärische Zwecke missbraucht. Das Monströse ist eine barbarische Staatsräson, die in Gestalt von Soldaten und Luftschiffen in die Spielzeugwelt einbricht. Die soziale und wirtschaftliche Instabilität einer Ära fundamentalen Umbruchs manifestiert sich in transzendentaler Wechselhaftigkeit. Kein Ort, keine Zeit, keine Form ist sicher.

Zeichnerisch grandios und schier berstend vor schrulligen Einfällen, bündelt das allegorische Fantasy-Märchen eine Vielzahl charakteristischer Motive Miyazakis. Die narrative Tiefgründigkeit seiner kindlichen Fabeln weicht einer magischen Mimesis, konfus, doch nichtsdestotrotz visuell und atmosphärisch gleichermaßen faszinierend. Die Friedensbotschaft ist hier vordergründiger und radikaler, dafür jedoch weniger differenziert als in Princess Mononoke oder When the Wind blows. Traumlogik überwindet die politische Realität, die nach einem noch undurchsichtigeren Regelwerk tickt als das maschinenartige Titelkonstrukt.

  • OT: Howl‘s Moving Castle – Hauru no Ugoku Shiro
  • Regie: Hayao Miyazaki
  • Drehbuch: Hayao Miyazaki
  • Produktionsland: Japan
  • Jahr: 2004
  • Laufzeit: 119 min.
  • Cast: Chieko Baishō, Takuya Kimura, Akihiro Miwa, Tatsuya Gashūin, Ryūnosuke Kamiki, Haruko Katō, Yayoi Kazuki, Mayuno Yasokawa, Yō Ōizumi, Daijirō Harada
  • Beitragsbild © Universum