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Grusel-Goethe: Alexander Sokurovs „Faust“

Grusel-Goethe: Alexander Sokurovs „Faust“

Wenn jenes Wort, das „im Anfang war“ und das Faust und sein Schüler Wagner als Synonym für Sinn und Ich auslegen, schon eine Totgeburt ist, wo anders kann die Suche nach ihm hinführen als in einen Leichnam? Wo ist die Seele, rätselt Faust (Johannes Zeiler) während er mit beiden Händen in den Eingeweiden eines männlichen Kadaver gräbt. Das Sezieren ist ein doppeltes Sinnbild in Alexander Sokurovs moribunden Mysterienspiel, sowohl für die Selbstzerfleischung des gequälten Hauptcharakters als auch für die des Regisseurs.

Im düsteren Schlusskapitel seiner Tetralogie Moloch, Taurus und The Sun um Verderbnis und Machtstreben gebietet er Bruno Delbonnels Kamera ein mitleidloses Wühlen in Unrat, Aussatz und Elend. Nicht trotzdem, sondern gerade deshalb gelingt ihm eine in ihrer visionären Todesästhetik verstörend hässliche und seltsam anziehende Interpretation der deutschen Volkssage. Zeilers mit dumpfer Frustration und finsterer Glut beseelter Doktor Faust ist kein mittelalterlicher Gelehrter, sondern ein Leichenfledderer und Knocheneinrenker in einem welthistorisch und politisch unbestimmten 19. Jahrhundert. Sein intellektueller Hunger geht einher mit ganz profanem physischen Hunger. Erster bleibt aus Wissensmangel ungestillt, zweiter aus Geldmangel. „Mein Vater, dunkler Ehrenmann“ verweigert ihm von beidem das Wenige, das er besitzt. Geizig schützt er die ihm als Bezahlung überbrachten Eier, Symbole für Fruchtbarkeit und Seele.

Letzte verkauft Faust nicht, er verpfändet sie. Ein Pfandgeschäft ist vertrackter und tückischer, wie es sich geziemt für den mephistophelischen Seelenhändler (Anton Adasinskiy), dessen Kontrakt Faust mit seinem Blut signiert, nachdem er fremdes vergossen hat. Es gehört Valentin (Florian Brückner), Margaretes Soldatenbruder. Einem Gemälde Vermeers entstiegen scheint Isolde Dychauk als Gretchen. Von Faust verführt, verschwindet sie aus dem Film, in dessen von innerer und äußerer Fäulnis zerfressenen Welt ihre Reinheit sie zum Fremdkörper macht. Moderig-dumpf ist die Farbpalette der akkuraten Szenenbilder, die jede Stufe von Verfallsmetaphorik durchdeklinieren. In dem humanistischen Kuriositätenkabinett ist Adasinskiys deformierter Mephistopheles ein Seelenfänger, dessen abstoßendes Wesen seine Anziehungskraft ausmacht.

Die schlechteste Gesellschaft lässt dich fühlen, dass du ein Mensch mit Menschen bist“ , heißt es bei Goethe. Der grausame Pathos und die groteske Komik darin verleihen dem dramatischen Fragment eine Komplexität, die Sokurovs selbstironisch verspottet: „Warum so kompliziert? Es geht auch ohne Euren Pathos“, höhnt Mephistopheles. Seiner Forderung kommt der kontroverse Seelenspuk nach, wenn er durch Fausts Fernrohr einen Affen auf dem Mond zeigt. Diabolus semia dei – der Teufel ist der Affe Gottes – und genauso von der Menschheit entrückt wie Faust dessen einzig verständiger Gefährte. Seine Gier spiegelt die Fausts, dem sein ergebener Schüler Wagner (Georg Friedrich) selbst bei der Leichensektion Speisereste reicht.

Mehr als ein paar Brocken von dem üppigen Lebensmahl vor ihnen kriegen die Protagonisten nicht zu fassen. Vielleicht ist es die raffinierteste Handlungsstrategie von „Faust“, dass der Zuschauer ihre Frustration teilt. Der Filmtitel trägt die prägnante Handschrift Goethes, der Inhalt jedoch ebenso die Christopher Marlowes, Friedrich Wilhelm Muraus und Thomas Manns. Ihre unmittelbarer hervortretenden Motive von Verworfenheit, Korruption und Gier verdrängen nicht Goethes Werk, sonder dessen traditionelle Adaptionsweise, um einen ebenso faszinierenden wie undurchsichtigen Kontrapunkt zu setzen: „Welch Schauspiel! Aber ach, ein Schauspiel nur!

  • OT: Faust
  • Regie: Alexander Sokurov
  • Drehbuch: Alexander Sokurov, Johann Wolfgang von Goethe
  • Produktionsland: Russland
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 134 min.
  • Cast: Hanna Schygulla, Antoine Monot jr., Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Maxim Mehmet, Joel Kirby, Eva-Maria Kurz, Florian Brückner, Katrin Filzen, Johannes Zeiler
  • Kinostart: 19.01.2012
  • Beitragsbild © Proline Film