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Gefangene des Herzens: Berlinale Kritik zu „Les mains libres“

Gefangene des Herzens: Berlinale Kritik zu „Les mains libres“

Eine Kollegin hält Barbara auf dem Flur an. Für einen Moment erstarrt Barbara. Die aufrechte Haltung der selbstbewussten Regisseurin gefriert. Ertappt – gefangen – verraten? Nein. Zwischen zwei Insassen der Strafanstalt, die Schauplatz der stilisierten Amour Fou ist, bahne sich ein Konflikt an, wird ihr berichtet. Von dem, was zwischen Barbara und Michel vor sich geht, ahnt die Kollegin nichts. Aber Barbara (Ronit Elkabetz) ist gewarnt. Die Warnung wird die sinnliche Protagonistin in Brigitte Slys kühlem Liebesdrama ignorieren.

Seine Hände formt der Häftling Michel (Carlo Brandt) zu einer Waffe, mit der er sanft auf ihre Stirn zielt. Der Schuss trifft Barbara ins Herz. Die in der Gefängnisarbeit erfahrene Regisseurin inszeniert gemeinsam mit den Häftlingen einen Film, basierend auf deren Erlebnissen. Einer von ihnen ist der lakonische Michel, dessen Beobachtungsgabe die Filmemacherin fasziniert. Gleichzeitig geborgen und verwundet fühlt sie sich durch ihr Begehren, das Spiel mit dem Feuer ist. Kriminelle lieben es, in Bars herumzulungern, erzählt er ihr. In Bars ist ‚die Action‘, in Bars trifft man Leute. Jahrzehnte warten manche auf den großen Coup, immerzu davon redend, was sie tun werden: „Aber niemals tun sie etwas.“ In Wahrheit beschreiben Marcel Barbaras Leben. Umgang mit den Kriminellen gibt ihr ein Gefühl von Lebendigkeit. Sie dokumentiert deren Erlebnisse und inszeniert sie, während ihr die Regie über das eigene Leben entgleitet. Äußere Beherrschtheit verbirgt extreme Emotionalität. Der seelische Konflikt spiegelt sich in ihrem Auftretend. Ihre Gier spricht aus Gesten und Blicken. Michel durchschaut ihre Maske und nimmt sie ihr vom Gesicht. 

Befreiung und Furcht vor der seelischen Blöße vermischen sich in Barbaras Kopf. Ihre emotionale Abhängigkeit von einem drogensüchtigen Ex überwindet sie durch erneute Bindung an Michel. Autarkie scheint ihr unmöglich. Die versteckten Untertöne von Abhängigkeit, Selbst- und Fremdbestimmung lotet der Plot jedoch nie aus. Bewusst distanziert sich Brigitte Sy vom romantischen Klischee der Affäre zwischen Häftling und Therapeutin. Ihr nüchternes Beziehungsdiagramm betont die erstickende Übermacht der Mauern, profanes Sinnbild gesellschaftlicher Beschränkung. Eine Titelkarte versichert das übliche nach „einer wahren Geschichte“. Die Realität innerhalb der Strafanstalt kennt die Regisseurin und Autorin, die 1997 im Santé Gefängnis das Theaterstück „Annette raises the inchor“ inszenierte. Das Manko ihres intimen Dramoletten benennt sie indes unbewusst selbst in ihrem Filmkommentar: „Meine Gedanken können nicht von meinem Körper getrennt werden, so wie meine Vorstellungskraft in meinem Körper gefangen ist.“ Nicht nur die Vorstellungskraft, auch die Inspiration. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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